Kolumne 9

20.2.2006

MARTIN REICHERT über LANDMÄNNER

Der Clan der Nichtsnutze

Wir sind ja hier nicht in Prenzlauer Berg: In unserem Haus wird sich nicht fortgepflanzt!

Sie lag mit allen vieren angeschnallt auf einem Holzbrett, den Kopf nach unten, bewusstlos. Er zog an seiner selbst gedrehten Zigarette, strich sich über den grauen Bart und griff seelenruhig zum Messer. Danach war es vorbei. Mit der Fruchtbarkeit. Schluss. Aus. Ruhe ist.

Großmutters ehemalige Therapiekatze Mitzi ist nun sterilisiert. Sterilisiert, wenn das die Großmutter wüsste! Es wäre ihr nur recht. Sie, Mutter von fünf Kindern, Großmutter zahlloser Enkel und Urenkel hatte schon immer ein Problem mit der Reproduktion: „Nur Ärger und Scherereien.“ Sie hatte ihre Kinder nach dem Krieg mit Brennesselsuppe durchgebracht, sie waren nun mal da, also musste man sich auch kümmern, so oder so ist das Leben, und für die Großmutter war es eben so gewesen. Später dann hatte sich die Mehrzahl ihrer Kinder geweigert, für die Kosten ihrer Beerdigung aufzukommen. Nur Ärger mit den Nichtsnutzen.

Der Landtierarzt war in Begleitung einer jungen Kleinfamilie mit just in die Welt geschossenem Akademikerkind gekommen. Während der brummig- gutmütige Doktor Mitzi die Eierstöcke entfernte, erfreute sich das junge Menschenpaar nebenan in der Küche bräsig-stolz an der Frucht ihrer Leiber. Meinem Freund wurde das alles zu viel, er ging in den Hinterhof, um mit irrem Blick Holz durch die Kreissäge zu jagen. Er wollte etwas Sinnvolles tun.

Unser Katze ist zu nichts nutze, sie kann nicht mal Mäuse fangen, Mitzi schaut stattdessen lieber Tatort. Jetzt kann sich nicht einmal mehr fortpflanzen, ihre entsprechenden Vorrichtungen liegen nämlich auf dem Komposthaufen. Evolutionär betrachtet ist Mitzi, genau wie mein Freund und ich, ein nutzloser Esser.

Wir werden der Kanzlerin niemals eine Akademikerkind schenken. Warum auch, hätte sie sich ja selbst drum kümmern können, und für die Rente kaufen wir uns ein Stückchen Ackerland in Brandenburg, auf dem man sich dann mit 68 in Ruhe zum Sterben hinlegen kann. Katzen gibt es auf der Welt auch genug, in China werden sie sogar aufgegessen, was ihnen dort wiederum einen hohen Nutzwert garantiert. Evolutionär betrachtet. Genau betrachtet sind wir jedoch, bitte schön, keine nutzlosen Esser.

Im Gegenteil. Neulich zum Beispiel gab es Nudeln mit einer polnischen Tomatensoße der Marke „Pudliszki“.

Mit dem Verzehr dieser „Sos Slodko-Kwasny“ haben wir die Existenz einer in Not geratenen polnischen Arbeiter-Kleinfamilie unterstützt. Ihr Arbeitgeber „Pudliszki“ kann derzeit keine Löhne zahlen, stattdessen dürfen sich die Angestellten aus dem Sortiment bedienen und die Produkte selbst verkaufen. Unser Vorratsschrank ist nun bis oben hin voll mit polnischer Tomatensoße, damit die kleine Maria aus Kostrin ihren Babybrei bekommt.

Man muss was tun, gerade wenn im Nachbarland der Kapitalismus entgleist. Adoptieren geht schließlich, der Union sei Dank, immer noch nicht.

Ja, als evolutionärer Rohrkrepierer muss man sich was einfallen lassen, wenn man seine Existenz in der neobürgerlich-utilitaristischen Welt rechtfertigen möchte. Wir haben uns überlegt, dass wir zum Beispiel zum Frühlingsanfang Blumen verschenken könnten oder kostenlos auf dem Alexanderplatz Schubert-Lieder singen. Ein gottgefälliges Werk!

Wie beruhigend, dass sich unlängst nun doch noch ein winziges evolutionäres Türchen geöffnet hat: Mein Bruder wurde stolzer Vater eines strammen Söhnleins. Wir werden den Kleinen nun freundlich anonkeln, Nepotismus nennt man das: den eigenen Gen-Pool quasi indirekt weitertragen, indem man sich für den Nachwuchs der Geschwister engagiert. Das, was der graubärtige Mann da rauchend in unserem Wohnzimmer gemacht hat, werden wir einfach diskret verschweigen.

Und hoffen, dass weder mein Bruder noch meine Schwägerin die Geschichte von den homosexuellen Flamingos im Zoo, die ihren Hetero-Artgenossen einfach die Eier aus dem Nest gestohlen haben, gelesen haben.

Kolumne 8

9.2.2006

Martin Reichert über LANDMÄNNER

Auf Gummireifen zum Gottesacker

Eine agnostische Beerdigung in Brandenburg ist gar nicht so schlecht: Jeder für sich und Gott für uns alle

Schon seltsam, wenn bei einer Beerdigung die Kirchentüren verschlossen bleiben und die Trauerfeierlichkeiten stattdessen in einer Art Carport vollzogen werden: der Leichenhalle des brandenburgischen Dorffriedhofs. Schon seltsam, wenn statt des Pfarrers ein Herr mit Gummisohlen und hoher, salbungsvoller Stimme die selbstgebastelte Predigt verliest und dafür rund 150 Euro Honorar in Rechnung stellt.

Die Menschen machen offensichtlich das Beste aus ihrer metaphysischen Obdachlosigkeit: Man behilft sich mit einem Ritual-Potpourri, flicht einen trostspendenden Tuberosen-Strauß aus Popmusik und Hollywood-Versatzstücken. Ein aus der Melodie des La-Boum-Klassikers „Reality“ von Richard Sanderson bestehender synthetischer Klangteppich, live von der Klarinette begleitet, fängt die Trauernden auf: „Dreams are my reality, the only kind of real fantasy.“ Bei eisiger Kälte gefrieren fast die Tränen, während der Milchlaster die Dorfstraße entlangscheppert. Mein Freund und ich vermeiden jeden Blickwechsel, weil alles so traurig und gleichzeitig absurd ist, man aber ganz bestimmt niemandes Gefühle verletzen möchte, indem man hysterisch lacht.

Jede Träne, die du weinst, weinst du um dich selbst? Man denkt an die Telefonrechnung, an die Handelsstrategie von General Motors, über die man irgendwann einmal etwas gelesen hat. Und früher oder später an die eigene Beerdigung. Wer wird kommen? Wer einen Kranz abwerfen? Sollte man einen Kollegen frühzeitig bitten, eine tragisch-komische Trauerrede zu schreiben? Und vor allem: Sollte man nicht auf jeden Fall zahlendes Mitglied der Kirche bleiben, alleine schon als Versicherungsschutz für eine anständig durchchoreografierte Beerdigung?

Die Trauergäste werden aufgefordert, ein Spalier zu bilden, der schwere Eichenholzsarg wird auf einem gummibereiften Wägelchen in Richtung Gottesacker gefahren, vorbei am verschlossenen Kirchenportal, dazu singt vom Band Frank Sinatra: „My way“.

Man blickt über weite Felder hinweg auf ehemalige LPG-Bauten und es scheint in diesem Moment, als hätte die SED den Kirchenkampf auf lange Sicht doch gewonnen. Bis auf die angereiste West-Verwandschaft mit Pelz und Turmfrisuren scheinen nur Atheisten anwesend zu sein. Wenn da nicht diese Atavismen wären: Der Sarg wird mit einem kleinen Zapfenstreich ins Erdreich befördert, und während die Pferde von der benachbarten Koppel neugierig herüberschauen, falten die Trauergäste ihre Hände. Und zwar nicht, weil sie nicht wissen, wohin mit ihnen. Am Grab schließlich wirft jeder drei Schaufeln Erde und Blumen in die Tiefe, ein trotz allem zutiefst christliches Ritual.

Es ist keine atheistische, sondern eine agnostische Beerdigung. Man weiß nicht so genau, ob es nicht doch ein höheres Wesen gibt oder gar einen Himmel. Vielleicht ist dieser Himmel sogar so wie diese Beerdigung. Alles Kraut und Rüben: Jungfrauen und Mundschenke, Erzengel und ein lieber Gott – vielleicht haben dort sogar Schwule einen Platz, auch wenn dies auf Erden anders propagiert wird und man sich dementsprechend genötigt sieht, auf der eigenen Beerdigung „Sympathy for the Devil“ laufen zu lassen.

Eigentlich eine symphatische Veranstaltung, so eine agnostische Patchwork-Beerdigung. Man hat theoretisch alles selbst in der Hand, und es ist auch nicht so schlimm, wenn man schwul ist oder aus Versehen einen knallroten Schal trägt. So wie mein Freund. Er und ich haben beschlossen, nicht nur für alle Fälle eine Patientenverfügung zu hinterlegen, sondern auch eine Beerdigungs-Choreografie. Ich bin zum Beispiel scharf auf die Eichenholztruhe, die im Wohnzimmer steht. Sieht exakt genauso aus wie der seit Jahrhunderten standardisierte Papstsarg. Eine ganz einfache Kiste ohne Schnickschnack. Fesch. Mein Freund hätte gerne ein Leichengewand aus Leinen und einen unbehandelten Bio-Fichtenholz-Sarg. Wenn ich zuerst stürbe, müsste er singen, ich umgekehrt die Trauerrede halten.

Einem gemeinsamen Freund ist nun unlängst der Nachbar weggestorben. Er hat sich wahrscheinlich um Weihnachten herum das Leben genommen und irgendwann roch es sehr streng im ganzen Haus. Der Mann hatte niemanden, der seinen Tod bemerkt hätte, ein sogenannter „Wendeverlierer“ mit Alkoholproblem. Wir wollen nun alle zur Sozialamt-Beerdigung, mit Kassettenrekorder unter dem Arm. „Bataillon d’Amour“ von Silly laufen lassen.

Kolumne 7

12.1.2006

Martin Reichert über LANDMÄNNER

Als Ackermann das silberne Auto stahl

Was tun, wenn der Chef der Deutschen Bank dem privaten Landglück im Weg steht? Stürzen, was sonst!

Das mit dem Josef Ackermann von der Deutschen Bank und dem erneut bevorstehenden Mannesmann-Verfahren kann ich erklären: mein Freund und ich stecken dahinter.

Ackermann von der Deutschen Bank steht nämlich unserem Glück im Weg. Wenn der Ackermann nicht wäre, hätten wir jetzt ein Auto: klein, alt, französisch und silbrig-metallisch schimmernd mit vielen elektrischen Helfern und einem besonderen Clou: einem Radio mit CD-Player inklusive einer ABBA-Gold-CD. Wenn man die Wegfahrsperre deaktiviert und den Zündschlüssel umdreht, dauert es ungefähr drei Sekunden, bis verlässlich „Dancing Queen“ erklingt. Ein feines Auto, es gehört meinen Eltern, die mit CD-Playern nicht viel am Hut haben und deshalb seit zehn Jahren nur eine einzige CD in dem kleinen Schlitz des Radios aufbewahren.

Wenn sie nicht einen Teil ihres sauer verdienten Geldes in den berüchtigten Deutsche-Bank-Immobilienfonds gesteckt hätten, der von Ackermann einfach mal so gesperrt wurde, hätten sie sich ein neues Auto gekauft und mir das alte vererbt. Mein Freund und ich hätten viele glückliche Tage vor uns gehabt, wären mit dem silbernen Auto zum Schiffshebewerk Niederfinow gefahren, um Milchkaffee zu trinken. Oder zum Baumarkt. Oder zu Großmutters Grab.

Stattdessen zeigt der Ackermann heimlich im Bad das Victory-Zeichen und singt dazu „The winner takes it all“. Schließlich sollte sein Ende 2006 auslaufender Vertrag bei der Deutschen Bank „informierten Kreisen zufolge“ noch einmal um fünf Jahre verlängert werden. So lange konnten wir beim besten Willen nicht warten, außerdem lautet die zweite Zeile des Songs: „The loser standing small“. Warte du nur ab, Ackermann.

Wir mussten handeln, ich weiß nämlich nicht, wie lange mein Freunde-Autoleih-System, das sich logistisch durchaus mit dem McKinsey-gestützten Leasing-Modell der Bundeswehr messen kann, noch funktioniert. Es nutzt zwar Synergie-Effekte und ist flexibel und kostengünstig, verwirrt aber im Gegenzug unsere bodenständigen Nachbarn in der brandenburgischen Ackerbürgerstadt. Ständig andere Autos mit obskuren Kennzeichen: Ein Fiat Cinquecento aus Mainz mit Mainzelmännchen auf dem Armaturenbrett („voll schwul“), ein staatstragend blauer Mercedes mit historisch wertvollem Autotelefon und Bonner Kennzeichen („Ich weiß genau, wo SIE herkommen, und Sie müssen nicht glauben, dass SIE sich hier vordrängeln können“), ein schrottreifer VW Golf aus Berlin mit taz-Aufkleber („Das ist dein Dienstwagen??“).

Fest steht, ob man es wahrhaben will oder nicht: Landleben ohne Auto ist nicht schön, denn geglücktes Landleben basiert im Wesentlichen auf dem Individualverkehr. Von ÖPNV weiß man dort nichts.

An Weihnachten hatten wir meine Eltern in Westdeutschland besucht und bei Ausflügen mit dem silbernen Auto laut „Money Money Money“ gesungen: „Must be funny in the rich man’s world“. Ackermann, wir kriegen dich! Die Revision ist erst mal durchgedrückt. Jetzt werden wir dich vor Gericht in Düsseldorf so was von auspacken. Als Nebenkläger alles mal klarstellen. Vor allem das mit den Heuschrecken und Großkopferten, die bräsig in die kleinsten Lebenseinheiten bzw. in das Leben der kleinen Leute hineinregieren und dabei Zigarre rauchen. Immobilienfonds schließen und das Ersparte von westdeutschen Rentnern blockieren und damit auch deren indirekte Aufbau-Ost-Subventionen für den Nachwuchs. Keine Kredite für ökosoziale, generationsübergreifende Wohnprojekte in Ostdeutschland rausrücken und stattdessen das Geld anderer Leute verbrennen.

Mein Freund und ich machen das jetzt mal genau umgekehrt. Wir werden in das Leben der Großkopferten hineinregieren und Ackermann sein persönliches „Waterloo“ beibringen. Und wenn wir schließlich gewonnen haben werden und das silberne kleine Auto mit OHV-Kennzeichen und der ABBA-CD vor der Tür steht, werden wir singen: „Thank you for the Music, Ackermann.“

Kolumne 6

6.12.2005

MARTIN REICHERT über LANDMÄNNER

17er Flansch mit rechtsdrehender Nuss

Achtung, eine Durchsage: Der kleine Martin wartet in der Trefferia im Erdgeschoss auf seinen Freund

Es passiert in unregelmäßigen Abständen, mehrmals im Jahr, ein bizarres Samstags-Ritual: „Du, können wir heute mal in den Baumarkt fahren?“ Es ist grauenhaft und doch vertraut zugleich, es sind immer verschiedene Autos, weil sie immer von Freunden geliehen sind, und gleich bleibt, dass mein Freund zwar Häuser bauen kann, aber keinen Führerschein hat – bei mir ist es umgekehrt.

Die Rolle des Autos übernahm dieses mal der Fiat Cinquecento einer lieben Kollegin mit umklappbarer Rückbank, der Baumarkt hieß Globus und befand sich im brandenburgischen Oranienburg bei Berlin. Verloren auf der grünen Wiese, zwischen Bundes-, Schnell- und Umgehungsstraßen, hochsubventionierte High-Tech-Ossi-Infrastruktur. Oranienburg, ein Ort, der schon zu „DDR-Zeiten“ und erst recht davor ein seltsames Odium versprühte, doch im Baumarkt spielt das alles keine Rolle, denn hier gibt es die Einzelteile zu kaufen, mit deren Hilfe der bundesdeutsche Bürger seine Träume zusammensetzt, ganz egal wo sein Eigenheim nun steht. Edelstahl-Armaturen, Turbo-Silikon-Masse für fugenfreie Kachelwände, Badewannen mit Whirlpool-Einsatz für einen Abend voll luxuriöser Entspannung nach getaner Arbeit – oder doch lieber den 5.000-Liter-Jacuzzi aus Amiland für den Gartenbetrieb? Der Baumarkt ist eine Männerwelt, Frauen gibt es nur hinter der Kasse oder am Beratungstresen für Tapeten. Und in der Modeabteilung gibt man sich ganz casual: Caterpillar-Boots und Blaumann, Handwerkerhosen mit Doppelreißverschluss.

Während mein Freund irgendwo in den hinteren Gefilden des Marktes verschwunden ist – Abteilung Holz und Furnierplatten –, wandele ich mit auf dem Rücken gefalteten Händen durch den Baumarkt, als gälte es ein Museum zu durchschreiten. Ein Hartz-IV-Kinderbett wird besichtigt, zwei Etagen und aus billigem Metall. Im Weihnachtszelt Hochspannungs-Lichterketten für den Fassadenbetrieb, blinkende Nikoläuse, Sprühschnee und ein Bing-Crosby-Klangteppich. Die Kalenderauswahl für das Jahr 2006: Hunde, Katzen und Pferde für die Damen, Extremsport für den Herrn. Im Baumarkt sein ist, als sei man bei Hinz und Kunz zu Besuch, hier werden die Grundlagen geschaffen für die individuellen Wohnwelten von Ikea bis Möbel Martin, hier werden Laminat und Estrich beschafft, Bohraufsätze und 17er Flansch-Dichtungen mit rechtsdrehender Nuss.

Das Museumscafé im Globus Baumarkt heißt Trefferia und man nimmt dort eine Bockwurst zum Kaffee. Der Chef ruft den Monteur auf dem Handy an und treibt zum nächsten Termin, stechender Wurstdunst, und mein Freund ist nicht mehr zu sehen, wahrscheinlich ist er in eine sehr sachliche Diskussion verstrickt, sein Handy ist mal wieder ausgeschaltet, und fast möchte man ihn ausrufen lassen: „ … sitzt in der Trefferia und wartet.“ Wo bin ich hier bloß? Mit dem Freund in den Baumarkt, das ist wohl das Äquivalent zu „mit der Freundin zum Schuhekaufen“.

Erstaunlich, dass dieser ganze Krempel in den Cinquecento passt. Zurück in die kleine Ackerbürgerstadt, vorbei an Alleen und Straßendörfern mit Häusern, die von Kopf (Ziegel, die wie geschmolzene Schokolade aussehen) bis Fuß (Styropor-Isolierplatten mit Rauputz) auf Baumarkt eingestellt sind. In unserer Straße haben sich die örtlichen Jungmänner um ihre tiefer gelegten Opel Vectras gruppiert und glotzen unverhohlen, als wir mit dem Fiat auftauchen. Ich finde den Wagen toll, aber von der Performance her ist er echt „VOLL SCHWUL“ irgendwie. Allerdings konnten wir einiges an Terrain wiedergutmachen, als wir mit eckigen Bewegungen unsere schweren Kalk- und Zementsäcke ausgeladen haben. So etwas verleiht einfach Glaubwürdigkeit in der lokalen Flansch-Szene.

Es war wieder nur einer dieser Ausflüge in den Baumarkt, eine Episode in der kleinen Geschichte vom großen Traum des eigenen Häuschens, das es auszugestalten gilt. Und irgendwann einmal wäre doch so ein Außen-Jacuzzi gar nicht schlecht, man könnte ihn ja vielleicht mit Solarenergie betreiben. Gibt es ja alles. Im Baumarkt.

Kolumne 5

17.11.2005

MARTIN REICHERT über LANDMÄNNER

Das Gelbe vom Weichei

Der Horror macht Urlaub auf dem Bauernhof: Vogelgrippe! Stallzwang! Und vor allem: Schlachttag!

Als Gastgeber spielt man eine Rolle, und wenn man als Paar schon jahrelang zusammen ist, mutiert die Gastgeberrolle zum Rollenspiel. Es ist wie in dem Film „Rosenkrieg“: „Liebling, möchtest du unseren Gästen nicht die Geschichte mit den Baccarat-Gläsern erzählen?“ Es gibt einfach ein Reservoir an Anekdoten und Pointen, die man erzählt, wenn sich Besuch aus Berlin ankündigt, um mal Landleben zu gucken.

So wie neulich, als eine ganze Wagenladung urban herausgeputzter, hübscher Mitte-Boys im „Salon“ saß, und lieber selbst gebackenen Zitronenkuchen essen wollte, statt im Luch spazieren zu gehen: zu kalt, trotz der Fake-Fur-verbrämten Anoraks.

„Warum hat denn der Kuchen so eine schöne Farbe?“ Tjaaa … also, das liegt natürlich daran, dass die Eier von glücklichen Hühnern sind! Das passte so schön zu der Landliebe-Idylle und der mit frischem Herbstlaub geschmückten Kaffeetafel, man möchte seinen Gästen doch auch etwas bieten, was ihren Erwartungen entspricht. Wenn sie schon den weiten Weg auf sich nehmen.

Die wirkliche Hühnergeschichte ist derzeit eher ein Gruselschocker. Am Tag zuvor hatten wir das Geflügel besucht, das derzeit bei der Schwiegermutter untergebracht ist: Stallzwang! Vogelgrippe! Und vor allem: Schlachttag! Wo sind sie denn die glücklichen Hühner? Der Weg zum Stall war von frisch ausgerupften Federn gesäumt, die mit einem Holzriegel versehene Tür öffnete sich knarrend, woraufhin sich sämtliches Federvieh panisch in eine Ecke flüchtete: Die vom Martinstag verschonten Restgänse drückten sich in die rechte Ecke, der Hahn versuchte, zumindest den Anschein zu erwecken, dass er notfalls bereit wäre, seine Hühner zu verteidigen, auch und erst recht in diesen schwierigen Tagen. Sie waren allesamt komplett traumatisiert. Dabei wusste man in diesem Moment nun wirklich nicht, wer hier vor wem mehr Angst hat: Niest da wer?

Natürlich hatte ich mich vor der Schlachtassistenz gedrückt, obwohl die Schwiegermutter ausdrücklich nachgefragt hatte. „Das kann der nicht“, hatte mein Freund ihr mitgeteilt. Da bin ich auch wirklich ein Weichei. Als das Geflügel noch unter unserer Regie lebte, war das alles viel schöner. Das Gänsepaar hatten wir kurz vor Weihnachten vom benachbarten Gutshof gekauft, es waren die letzten Überlebenden einer riesigen Herde (sagt man das so bei Geflügel?) gewesen. Gerettet. Und die Hühner hatten auch dann noch ein Anrecht auf Leben, wenn sie vor lauter Altersschwäche ständig von der Leiter fielen. Das Fleisch hatten wir dann lieber im Geschäft gekauft. Dekontextualisiertes Fleisch.

Meine Einstellung zum authentischen Landleben ist ungefähr genauso wie die von Bill Clinton zum Kiffen: lieber nicht inhalieren. Aber das muss man den Gästen ja nicht gleich auf die Nase binden, der Glaubwürdigkeit halber. Nach zwei Stunden waren die Jungs schon ganz unruhig geworden, wollten zurück in die Stadt, es galt, Jugendtanzveranstaltungen und Ähnliches zu besuchen. Fast wäre man versucht gewesen, sie zu begleiten.

„Berlin zieht, wa?“, hatte die verstorbene Großmutter immer gesagt, wenn ich am Sonntag doch schon früher zurückgefahren war. Sie hätte sich über den schmucken Herrenbesuch bestimmt gefreut, zumal doch sogar ein leibhaftiger Arzt dabei war. Allein unter Männern, da wäre sie in ihrem Element gewesen, jetzt erinnerte nur noch der röhrende Porzellanhirsch auf dem Tisch an sie – eine der Anekdoten, die man erzählt, wenn Besuch kommt.

Am nächsten Tag wollten mein Freund und ich noch den Kranichen Auf Wiedersehen sagen. In der Regel versammeln sie sich auf den Wiesen rund um den Ort, bevor es in den Süden geht. Ein tolles Schauspiel, normalerweise. Diesmal aber hatten wir sie auch nach einer Stunde noch nicht entdecken können. Erst auf der Autobahn in Richtung Berlin sahen wir welche, auf der linken Seite, und haben ihnen über drei Fahrspuren hinweg zugewinkt. Völlig bescheuert, aber manchmal klappt es eben nicht mit der Idylle auf dem Land.

Kolumne 4

17.11.2005

MARTIN REICHERT über LANDMÄNNER

Das Gelbe vom Weichei

Der Horror macht Urlaub auf dem Bauernhof: Vogelgrippe! Stallzwang! Und vor allem: Schlachttag!

Als Gastgeber spielt man eine Rolle, und wenn man als Paar schon jahrelang zusammen ist, mutiert die Gastgeberrolle zum Rollenspiel. Es ist wie in dem Film „Rosenkrieg“: „Liebling, möchtest du unseren Gästen nicht die Geschichte mit den Baccarat-Gläsern erzählen?“ Es gibt einfach ein Reservoir an Anekdoten und Pointen, die man erzählt, wenn sich Besuch aus Berlin ankündigt, um mal Landleben zu gucken.

So wie neulich, als eine ganze Wagenladung urban herausgeputzter, hübscher Mitte-Boys im „Salon“ saß, und lieber selbst gebackenen Zitronenkuchen essen wollte, statt im Luch spazieren zu gehen: zu kalt, trotz der Fake-Fur-verbrämten Anoraks.

„Warum hat denn der Kuchen so eine schöne Farbe?“ Tjaaa … also, das liegt natürlich daran, dass die Eier von glücklichen Hühnern sind! Das passte so schön zu der Landliebe-Idylle und der mit frischem Herbstlaub geschmückten Kaffeetafel, man möchte seinen Gästen doch auch etwas bieten, was ihren Erwartungen entspricht. Wenn sie schon den weiten Weg auf sich nehmen.

Die wirkliche Hühnergeschichte ist derzeit eher ein Gruselschocker. Am Tag zuvor hatten wir das Geflügel besucht, das derzeit bei der Schwiegermutter untergebracht ist: Stallzwang! Vogelgrippe! Und vor allem: Schlachttag! Wo sind sie denn die glücklichen Hühner? Der Weg zum Stall war von frisch ausgerupften Federn gesäumt, die mit einem Holzriegel versehene Tür öffnete sich knarrend, woraufhin sich sämtliches Federvieh panisch in eine Ecke flüchtete: Die vom Martinstag verschonten Restgänse drückten sich in die rechte Ecke, der Hahn versuchte, zumindest den Anschein zu erwecken, dass er notfalls bereit wäre, seine Hühner zu verteidigen, auch und erst recht in diesen schwierigen Tagen. Sie waren allesamt komplett traumatisiert. Dabei wusste man in diesem Moment nun wirklich nicht, wer hier vor wem mehr Angst hat: Niest da wer?

Natürlich hatte ich mich vor der Schlachtassistenz gedrückt, obwohl die Schwiegermutter ausdrücklich nachgefragt hatte. „Das kann der nicht“, hatte mein Freund ihr mitgeteilt. Da bin ich auch wirklich ein Weichei. Als das Geflügel noch unter unserer Regie lebte, war das alles viel schöner. Das Gänsepaar hatten wir kurz vor Weihnachten vom benachbarten Gutshof gekauft, es waren die letzten Überlebenden einer riesigen Herde (sagt man das so bei Geflügel?) gewesen. Gerettet. Und die Hühner hatten auch dann noch ein Anrecht auf Leben, wenn sie vor lauter Altersschwäche ständig von der Leiter fielen. Das Fleisch hatten wir dann lieber im Geschäft gekauft. Dekontextualisiertes Fleisch.

Meine Einstellung zum authentischen Landleben ist ungefähr genauso wie die von Bill Clinton zum Kiffen: lieber nicht inhalieren. Aber das muss man den Gästen ja nicht gleich auf die Nase binden, der Glaubwürdigkeit halber. Nach zwei Stunden waren die Jungs schon ganz unruhig geworden, wollten zurück in die Stadt, es galt, Jugendtanzveranstaltungen und Ähnliches zu besuchen. Fast wäre man versucht gewesen, sie zu begleiten.

„Berlin zieht, wa?“, hatte die verstorbene Großmutter immer gesagt, wenn ich am Sonntag doch schon früher zurückgefahren war. Sie hätte sich über den schmucken Herrenbesuch bestimmt gefreut, zumal doch sogar ein leibhaftiger Arzt dabei war. Allein unter Männern, da wäre sie in ihrem Element gewesen, jetzt erinnerte nur noch der röhrende Porzellanhirsch auf dem Tisch an sie – eine der Anekdoten, die man erzählt, wenn Besuch kommt.

Am nächsten Tag wollten mein Freund und ich noch den Kranichen Auf Wiedersehen sagen. In der Regel versammeln sie sich auf den Wiesen rund um den Ort, bevor es in den Süden geht. Ein tolles Schauspiel, normalerweise. Diesmal aber hatten wir sie auch nach einer Stunde noch nicht entdecken können. Erst auf der Autobahn in Richtung Berlin sahen wir welche, auf der linken Seite, und haben ihnen über drei Fahrspuren hinweg zugewinkt. Völlig bescheuert, aber manchmal klappt es eben nicht mit der Idylle auf dem Land.

Kolumne 3

6.10.2005

MARTIN REICHERT über LANDMÄNNER

Die lustigen Holzhacker-Buam

Am Tag der Deutschen Einheit haben wir es krachen lassen: Es war Oktoberfest und wir hatten Holz vor der Hütt’n

Am Tag der Deutschen Einheit haben wir tonnenweise Holz gehackt. Mein Freund hat eine von polnischer Hand liebevoll installierte tschechische Holzvergaser-Heizung, deren sonores AKW-Brummen uns seitdem die brandenburgischen Winter erträglicher macht. Doch nun galt: So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben: zerkleinern, auf Schubkarren packen, im Schuppen stapeln.

Wir haben ordentlich gelärmt an diesem Feiertag, aber das ist nicht weiter aufgefallen, weil überall in der kleinen Ackerbürgerstadt Menschen auf den Straßen tanzten, sich in den Armen lagen und die deutsche Einheit feierten, was das Zeug hielt. Das war gelogen. In Wirklichkeit war es absolut totenstill, die Sonne dimmte durch einen dunstigen Schleier und hüllte die verfallenden, grauen Häuser in ein gnädiges und zugleich depressives Licht.

Wir sind eigentlich sehr froh über die Wiedervereinigung, denn sonst hätten wir uns ja nie kennen gelernt. Mein Freund ist Ossi, ich bin Wessi, und schon vor Jahren wuchs zusammen, was zusammengehört. Ich war dabei, als er seinen höchst persönlichen Abschied von der DDR genommen hat, damals, in den Arkaden des Alten Museums in Berlin, nachdem wir im Kino „Coming-out“ gesehen hatten, den ersten und zugleich letzten DDR-Film zum Thema Homosexualität. Er hatte als Statist mitg wirkt, man sah ihn insgesamt dreimal kurz Walzer tanzend in der Ostberliner Homo-Kneipe Burgfrieden – das alles noch einmal anzuschauen hatte ihn unglaublich traurig gemacht. In meiner Hilflosigkeit hatte ich auf den Fernsehturm und die Plattenbauten gezeigt und gesagt: „Aber sieh doch mal, es steht doch alles noch, und ihr seid doch auch noch alle da.“ Dann haben wir uns lange im Arm gehalten.

Während ich in Prenzlauer Berg allmählich verostete – nach einer Weile hatte ich begriffen, dass man seine Kohlen nicht in der Benetton-Tüte aus dem Keller heraufträgt, wenn man ernst genommen werden möchte –, umgab sich mein Freund fast nur noch mit Wessis, weil er sie solidarischer und hilfsbereiter fand. Ich schrieb meine Magisterarbeit über die FDJ an der Humboldt-Universität, und er arbeitete bei „Pomp, Duck & Circumstance“. Unsere persönlichen Ost-West-Konflikte haben wir längst beigelegt, sie waren ohnehin meist vorgeschoben, denn eigentlich ging es um unsere höchst persönlichen Rangeleien.

Nachdem nun also das Holz gestapelt war, beschlossen wir, doch noch feiern zu gehen. Auf dem nicht weit entfernten Gut Liebenberg, einst Schauplatz der „Liebenberger Tafelrunde“ um Philipp Fürst zu Eulenburg, war bayerisches Oktoberfest. Um die Jahrhundertwende wurde dem Fürsten und seiner „homosexuellen Clique“ vorgeworfen, das Deutsche Reich in die parfümierten Arme Frankreichs treiben zu wollen. Die so genannte Harden-Eulenburg-Affäre war das deutsche Äquivalent zum Schauprozess gegen Oscar Wilde und machte die Homosexuellen in Deutschland erstmals zu einem Thema des öffentlichen Diskurses – und zu Staatsfeinden. Im Museum des Gutes Liebenberg werden sie heute, gut 100 Jahre später, lediglich totgeschwiegen. Kein Wort zum Thema Homosexualität.

Also heterosexuelles Oktoberfest in Preußen. Weißwürstl und Schweinsbraten in Brandenburg. Ein riesiges, zugiges Festzelt mit einer überdrehten bayerischen Blaskapelle, die über eine übersteuerte Sound-Anlage „I will wieder hoam“ singt. Ein Herr von der Band verkleidet sich mit Kopftuch und Kittelschürze als Frau, eine Mordsgaudi. Die Besserwessi-Bedienung bringt mir die Weißwurst ohne Besteck und sagt streng: „Die isst man mit der Hand.“ Das muss der Diaspora-Effekt sein, denn in München habe ich sie bisher immer mit Messer und Gabel gegessen. Dem Ton nach hat sie mich für einen Ossi gehalten.

Wir haben nur gelacht und uns dann gemeinsam nicht getraut, vor allen Leuten Walzer zu tanzen. Die Emanzipation der Homosexuellen ist, wie die innere Einheit Deutschlands auch, ein Langzeitprojekt. Und nächstes Jahr trauen wir uns.

Kolumne 2

8.9.2005

Martin Reichert über LANDMÄNNER

Perlentauchen in der Uckermark

Zum Fetisch-Fest nach Berlin oder doch lieber eine Wallfahrt zu Angela Merkel nach Templin? Deutschland im Wandel

Seitdem die Großmutter tot ist, können wir im Prinzip tun und lassen, was wir wollen. Wir hätten sogar zu Wowis Fetisch-Party in Berlin gehen können, niemand hätte mit uns geschimpft. Stattdessen haben wir unserem Besuch aus Paris in aller Ernsthaftigkeit die Perle der Uckermark gezeigt. Templin. So weit ist das nicht, und wo sonst könnte Beatrice das zukünftige Deutschland begreifen, Deutschland nach dem Wechsel, wenn nicht am Wohnort der zukünftigen Kanzlerin. Wir machten uns auf den Weg, mein Freund übrigens in Lederhosen.

Am Anfang war gar nichts zu spüren, sogar das Autoradio hatte keinen Empfang. Die durch linke Verwahrlosung gezeichneten Straßen rüttelten unsere Gesichtszüge durch. Hinter jedem zweiten Alleenbaum ein Warnschild: Vorsicht kreuzende Otter, Vorsicht Krötenwanderung, Achtung Mopsfledermaus. Gefühlt mehr Babsie Höhn als Angie Merkel.

Je näher wir jedoch an Templin herankamen, desto apricotfarbener wurden die Laternenpfähle der brandenburgischen Straßendörfer. Die Kandidatin lächelte auf adrette Rentner, die auf den Bänken vor dem Haus ihre Renten verzehren. Auf wackere Kleinfamilien, die sich mit roten Wangen gegen die Demoskopie stemmen. Auf ein platt gefahrenes Eichhörnchen am Wegesrand. Die Mitte der Gesellschaft und sie mitten darin, alles im Vorbeifahren. Geschwindigkeit. Wandel. Wechsel.

Dann plötzlich das nächste Dorf: Hammelspring! Jetzt konnte es doch nicht mehr weit sein. Abstimmung im Wasserwerk, Bonner Republik, Kohls Mädchen. Da war doch was, und dann erst das nächste Dorf: Hindenburg! Der Mantel der Geschichte streifte uns nun recht heftig, Umzug nach Berlin, Deutschland einig Vaterland. Kanzlerin, womöglich eisern.

Und richtig, schon bald waren wir in Templin, Marktplatz. Vielleicht würde sie ja gleich ganz volksnah vorbeischlendern und sich zu uns gesellen. Mal einen Kaffee trinken mit zwei netten Homos und einer ebenso netten wie attraktiven Französin. Frau/Osten trifft Randgruppe/Ausländer: „Nein, ich werde jetzt keinen Kaffee mit Ihnen trinken“, hatte sie neulich einen Herrn mit gleichem Anliegen beschieden, und das vor laufenden ZDF-Kameras. Würde sie das mit uns auch machen? Uns im Regen stehen lassen? Als die Bedienung den Kaffee verschüttete, machte Beatrice ein Gesicht, als sei ihr gerade die Achse Berlin-Paris-Moskau auf die Füße gefallen. Der Kuchen jedoch war für ostelbische Verhältnisse geradezu zauberhaft: Stachelbeer-Baiser-Torte, die es wahrlich verdient hätte, nach dem Wechsel den Namen Kanzlerin-Schnitte zu tragen. Dennoch schwante uns allmählich, dass wir womöglich vergeblich hierher gekommen waren, denn wir waren nicht allein. Fahrzeuge mit Kennzeichen aus ganz Deutschland blockierten den Markplatz, überall sah man Menschen, die auf der Suche waren. Bewaffnet mit Digitalkameras schienen sie bereit, sich jederzeit vor einen nahenden Limousinen-Konvoi zu werfen, um ein Autogramm zu bekommen. Die Nachhut der Journalisten, die in den letzten Monaten Templin unsicher gemacht hatten. Was hatten wir eigentlich erwartet? Das wir die Einzigen waren, die wissen wollten, wie das so wird mit dem Wechsel? Sie kam nicht.

Beatrice’ Mundwinkel wirkten plötzlich seltsam steil heruntergezogen. Ja, was hätten wir denn machen sollen? Zum Schiffshebewerk Niederfinow fahren oder was? Das steht vielleicht für den Slogan „Es gibt keine Probleme, nur Lösungen“, aber nicht für „Deutschland braucht den Wechsel“. Erst als wir wieder zu Hause in unserer kleinen Ackerbürgerstadt vor den Toren Berlins waren und die Glotze anschalteten, wurde klar: Wir hätten sie gar nicht treffen können, weil sie gar nicht in Templin war an diesem Tag. Sie musste doch zum Fernsehduell nach Berlin, da hat sie doch keine Zeit, auf der Terrasse zu sitzen und alte Fotos einzusortieren oder Kaffee trinken zu gehen.

Hätten wir ja auch gleich zur Fetisch-Party gehen können. Deutschland vor dem Wechsel halt.

Kolumne 1

25.8.2005

MARTIN REICHERT über LANDMÄNNER

Wir hatten ein altes Kind

Martin Reicherts neue Kolumne über das Landleben nimmt einen traurigen Anfang

Wenn die Großmutter meines Freundes nicht gestorben wäre, hätte ich sie berühmt gemacht. Ich wollte sie zu einem gesellschaftspolitischen Star machen: Frau, Osten, alt, pflegebedürftig. Eine 93-jährige Greisin, die zudem in einem schwulen Haushalt lebt, da sie von ihrem Enkel gepflegt wird. Ich wollte über unsere generationenübergreifende „Patchwork“-Transgender-Ost-West-Großfamilie schreiben. Über die Geschichten, die sie aus ihrem langen Leben in sämtlichen deutschen Systemen erzählt hat („Das Essen im Krankenhaus war so schlecht. Liegt das an der Regierung?“), und über die Höhen und Tiefen des Zusammenlebens mit einem solchen „Golden Girl“.

Ich bin meist nur an den Wochenenden bei der Familie, die Woche über in Berlin. An einem dieser letzten Wochenenden hat die Großmutter plötzlich Scheiße gekotzt. Das passiert, wenn die Verdauung nicht mehr richtig arbeitet. Und wenn es passiert, ist es schrecklich für alle Beteiligten. Im Krankenhaus der nächsten größeren Stadt ist sie dann gestorben, Nierenversagen. Es ging dann recht schnell, das Bewusstsein hatte sie verloren. „Ich will endlich sterben und kann einfach nicht“, hatte sie immer wieder gesagt. Sie hatte so oft Schmerzen.

Ein bisschen war es so, als hätten wir ein Kind gehabt. Wir konnten nicht mehr einfach so über das Wochenende an die Ostsee fahren, selbst spazieren gehen am Nachmittag konnte zum Problem werden. Wir waren nicht mehr frei, weil mein Freund die Verantwortung für sie übernommen hatte. Ich habe ihn immer dafür bewundert und die Beschneidung unserer Unabhängigkeit akzeptiert. Auch den stets lauten Fernseher, die leeren Urinbeutel im Badezimmer, den miefigen Harzer Roller im Kühlschrank.

Für die Ausstellung des Totenscheins brauchte das Krankenhaus Großmutters Personalausweis, wir fuhren also nach Hause, um ihn zu holen. Er wäre nur noch zwei Tage gültig gewesen. Gegen Unterschrift händigte man uns ihre privaten Sachen aus. Als wir das Krankenhaus in Richtung Parkplatz verließen, ging mein Freund vor, in der linken Hand ihr kleines Bastkörbchen mit Spitzendeckchen obenauf und darin ihre Habe. Eine Tasse, eine Haarbürste, die Schatulle mit ihrem Schmuck: alles aus Plastik.

Ihre kleine silberne Glocke hatte sie offensichtlich nicht mitgenommen. Mit der hatte sie immer geklingelt, wenn sie etwas brauchte, aber in einem Krankenhaus funktioniert so etwas elektrisch, genauso wie die bescheuerte Blutdruckmessapparatur, die man ihr während des Sterbens an den Arm gebunden hatte. Die Glocke hatte den gleichen Klang wie jene, mit der ich als Kind an Heiligabend zur Bescherung gerufen wurde. Dennoch war nicht jeder Tag wie Weihnachten, mit ihr zusammen unter einem Dach zu wohnen. Sie war eine schwierige Dame.

Ein Kind entwickelt sich weiter und verlässt einen irgendwann in Richtung eigenes Leben. Die Großmutter hat einen anderen Ausgang genommen und lässt uns beide als Rumpffamilie zurück. Der Pflegebetrieb ist eingestellt. Mein Freund hat den Anblick ihres verlassenen Zimmers nicht ertragen können und hat es komplett geleert und renoviert. Demnächst wird dort mein Schreibtisch aufgestellt. Vielleicht sollte ich ihre Lebensgeschichte aufschreiben? Sie verschwindet doch sonst einfach.Vielleicht wird es auch ein Esszimmer. Wer etwas braucht, kann klingeln.

Nachdem die Großmutter gestorben und der Totenschein ausgestellt war, mussten wir trotz allem etwas essen. Wir gingen in die kleine „Speisegaststätte“, die ich mich in letzter Zeit zu betreten geweigert hatte, weil wir dort angepöbelt worden waren. Ich habe sowieso immer Angst, dass irgendwann der brandschatzende Mob vor der Tür steht. Eine Patchwork-Transgender-Familie mag in Berlin zum guten Ton gehören, aber in der brandenburgischen Provinz?

Die „Speisegaststätte“ wird von zwei liebenswürdigen Schwestern betrieben, und an diesem Abend weinten sie uns in unsere Königsberger Klopse. Sie hatten die Großmutter gern gehabt. „Ich bin mir sicher, dass sie für das, was Sie für die Großmutter getan haben, irgendwann etwas zurückbekommen“, hatte die Wirtin gesagt, und ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil doch nicht ich derjenige gewesen war. Hatte ich ihr genug Zeit gewidmet? Hatte ich ihr genug zugehört, selbst wenn ich ihre Geschichten bereits kannte?

Als wir nach Hause kamen in das leere Haus, meldete sich Großmutters Katze mit einem dringenden Anliegen – es ging um Leben und Tod. In einer Kiste im Wohnzimmer brachte sie an diesem Abend vier gesunde Junge zur Welt. Irgendwie muss es weitergehen.