Interview zur Welt-Aids-Konferenz

Wie Aids die deutsche Gesellschaft verändert hat

Ein Beitrag von: Oliver Buschek, BAYERN RADIO 2, 25.07.2018

Bei der Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam wird diese Woche über HIV gesprochen – um Deutschland geht es dabei nur noch selten. Die Infektionsraten sind niedrig. In seinem Buch “Die Kapsel” erinnert Martin Reichert an das Deutschland der 80er- und 90er-Jahre, als Aids zum Schrecken einer Generation schwuler Männer wurde. Wie hat die Krankheit ihren Weg ins Bewusstsein der Bundesrepublik gefunden und welche Rolle hat die Stadt München dabei gespielt?

 

Kolumne 179

24.5.2018

Martin Reichert Herbstzeitlos

Herta war einfach härter

Herta hieß so, weil sie härter war. Herta hatte goldene Füßchen. Hertas eher hässliches Antlitz musste man immer bedeckt halten. Denn Herta war alt. Herta war gebraucht. Und jetzt hat sie mich verlassen, zermalmt wurde sie vom gefräßigen Reiß- und Quetschwerk am Heck eines orangenen Müllwagens der Berliner Straßenreinigung.

Herta war ein lindgrünes Sofa, und den Namen hatte es schon von den Vorbesitzern erhalten, einem freundlichen, nervösen, dauerkiffenden Paar aus Ostberlin. Sie fanden Herta eigentlich von Anfang an zu hart und hatten sie daher bereitwillig und ohne Ablöse hergegeben. Zehn Jahre lang hatte sie nun ihr Gnadenbrot bei mir erhalten, komplett eingehüllt in „Indira“-Decken von Ikea und drapiert mit großen Kissen. Derart aufgetakelt sollte sie Mittelklassezugehörigkeit in meinem Haushalt simulieren, in dessen Budget ein Designersofa schlicht nicht vorgesehen ist.

Aber es hat auch so gut funktioniert mit Herta. Als wir zusammenkamen, hatte man noch Motorola-Klappmobiltelefone und statt eines Smartphones oder Tablets schleppte man seinen weißen, zwei Kilo schweren Mac in riesigen Umhängetaschen durch die Gegend. Obama wurde Präsident der Vereinigten Staaten und alle dachten, dass Jesus auf die Erde hinabgestiegen sei. Die Finanzkrise erreichte ihren Höhepunkt, aber dank „Indira“ würde man das schon nicht so merken. Auch in Berlin trat 2008 das offizielle Rauchverbot in Kraft, an das sich fürderhin kein Mensch halten würde. In einer Herta-Ritze fand ich tatsächlich eine Zigarettenkippe, obwohl ich seit zwei Jahren nicht mehr rauchte. Es wurden lustige Partys gefeiert in der Wohnung. Und auf und mit Herta.

Als ich Herta zuletzt sah, stand sie nackt und schutzlos in der Mitte des Wohnzimmers, über und über von Staub und Schutt bedeckt. Meine alte Wohnung wird „luxussaniert“, wenn sie fertig ist, wird sie das doppelte kosten. Wer hier einzieht, kann sich sicher auch ein Sofa von Minotti leisten und befindet sich auf der richtigen Seite der auseinanderdriftenden Schere zwischen Arm und Reich.

Vom Müllwerker bekam ich einen Anschiss Berliner Art, grob im Ton, hart in der Sache aber nicht böse gemeint: Wie man denn bitte so bescheuert sein könne, jemandem zuzumuten, einen solch dreckigen, schuttbedeckten Kram die Treppen herunterzutragen? Hatte er ja völlig recht. Ich entschuldigte mich, obwohl ja nicht ich das Sofa mit Schutt bedeckt hatte, sondern die luxussanierenden Handwerker, Herr Finster und Herr Altmann. Aber das Eis war gebrochen. Über dem siechen Korpus von Herta kamen wir ins Gespräch. Er erzählte mir von seiner französischen Bulldogge. Seinem kleinen Garten im Erdgeschoss, den er sich mit seinem Lebensgefährten schön gemacht hat. Schließlich fragte er: „Ziehst du mit deinem Freund zusammen?“ Das konnte ich bejahen, und er freute sich.

Als er Herta schließlich die Treppen hinab ihrem Schicksal entgegenwuchtete, fiel der Abschied gar nicht mehr so schwer.

Kolumne 178

12.4.2018

Martin Reichert Herbstzeitlos

Das grazile Handwerker-Ballett

Langweile muss nicht beklagen, wer umzieht, denn alles ist ein Wirbel. Seit ungefähr vier Wochen nun schon führen Herr Finster und Herr Altmann eine Art Handwerker-Ballett auf: Kommt der eine nicht, kommt auch der andere nicht. Beide beziehen sich stets aufeinander, obwohl sie sich persönlich gar nicht kennen, aber der eine soll „die Türen gang- und schließbar machen“ und der andere selbige anstreichen, wenn auch nur von außen. Und mag nun auch der Rest der neuen Wohnung längst in einem Zustand sein, der es der der Lufthansa ermöglichen würde, hier ein Drehkreuz mindestens für den ost­euro­päi­schen Luftraum einzurichten – Herr Finster und Herr Altmann umkreisen einander, telefonisch und per Mail, und kommen nicht in die Pötte.

Handwerker sind auch sehr empfindsame Wesen. Als Journalist und Homosexueller hatte ich es in meinem Leben weiß Gott schon oft mit Diven zu tun, und was für welchen, aber Handwerker sind im Vergleich sinistre Stummfilmdiven. Ich hatte mal einen, das war noch in der alten Wohnung, der das Wohnzimmer spachteln sollte. Als nach einer Woche noch immer kein Handschlag getan war, organisierte ich einen Überraschungsbesuch – und fand den jungen Mann ermattet auf einem Sack Rotputz liegend. Depressionen!

Dann Piotr aus Polen. Er hatte so starkes Heimweh, dass man ihn quasi auf der Besucherritze hatte übernachten lassen müssen. Man musste für ihn kochen und ihn abends ausführen, mindestens. Einmal haben wir sogar eine YouTube-Disco für ihn organisiert, mit Wodka und „Geronimo’s Cadillac“, denn für das Berghain hatte er laut eigener Aussage „nicht die richtigen Klamotten mit“. Getanzt wurde also auf am Boden liegender Kartonage und beschallt aus den Einbaulautsprechern eines Medion-Klapprechners.

Dann gibt es noch den Haushandwerker. Das bedeutet, dass er im Haus wohnt und nicht weglaufen kann. Sogar seine Mutter wohnt im Haus, da ist man dann eigentlich auf der sicheren Seite. Denkt man: Als ich ihn gestern bat, ob er nicht doch vielleicht noch die Steckdosen anbringen könnte, verschwand er umgehend. Auch eine Razzia in den benachbarten Eckkneipen des Quartiers blieb erfolglos, auch, weil sich dort nunmehr eher Hipster als Handwerker herumtreiben.

Herr Altmann hat nun gestern wieder den Termin verschoben, auf morgens 7 Uhr, mitten in der Nacht – obwohl er sehr genau weiß, dass um diese Zeit Was-mit-Medien-und-bunte-Socken-Leute noch nicht wach sind. Und das immer in einem schnippischen Ton: „Ja, ja, letzte Woche hieß es ja wohl noch, dass eine andere Firma das machen soll, nicht?“ Und Herr Finster geht schon wieder nicht an sein Telefon, Mailbox nicht existent.

Wie es aussieht, handelt es sich beim dem 7-Uhr-Termin auch lediglich um eine Inaugenscheinnahme der potenziellen Baustelle. Aber gut, danach muss ich sowieso zum Flughafen. Schönefeld.

 

Kolumne 177

1.3.2018

Martin Reichert Herbstzeitlos

Die Vergänglichkeit des liebgewonnenen Vorglühens

Der Erste war, logisch, ein Fahrschulwagen. Ein Audi 80, der schlecht nur innen roch, weil der Angstschweiß Hunderter pubertärer FahrschülerInnen und „Prüflinge“ in die hellgrauen Stoffpolster gedrungen war. Ein Diesel, gar ein Turbodiesel war es, mit dem man die Berge in der Eifel auch hinaufkam, ohne das Gaspedal bis zum Bodenblech durchzudrücken. „Drück mal drauf, bis hinten die Briketts rausfliegen“, pflegte mein Fahrschullehrer zu sagen, wenn ich zu zaghaft war und es doch galt, einen Traktor mit Anhänger zu überholen.

Traktor, das war das Ursprungsimage des Diesel-Pkws, und in besagter Eifel ging die Fama um, dass die Bauern sich allesamt einen Mercedes 200 D geleistet hatten, damit sie ihre „Wanderdüne“ klandestin mit wesentlich günstigerem Heizöl aus dem Keller betanken konnten. Später fand man heraus, dass man diese Mercedesse der Baureihe W 123 sogar mit Salatöl betreiben konnte – egal was im Tank ist, diese Autos fahren jedenfalls noch immer zu Tausenden als Taxis in Beirut oder Marokko.

Jedenfalls war der Begriff „Heizöl-Ferrari“ gesetzt für die nun zahlreich in Erscheinung tretenden Turbodieselfahrzeuge, die mit der Lahmheit meines eigenen ersten Autos, natürlich ein Golf Diesel, nicht mehr viel gemein hatten. Der Startvorgang meines weinroten Golf I.D. würde heute wahrscheinlich zu meiner sofortigen Verhaftung führen. Dreimal musste man die bereits maroden Glühkerzen betätigen, bevor man einen Startversuch wagen konnte. Gelang er, war das umliegende Gelände in schwarzen Rauch gehüllt, aber in den frühen Neunzigern dachte man sich nichts dabei, schließlich gab es in den Zügen noch Raucherabteile, und mit Swiss Air konnte man mit der Kippe im Gesicht über den Atlantik fliegen.

Vati erzählt vom Krieg. Später jedenfalls hatte ich keine Dieselautos mehr, weil ich „nicht genug Kilometer fuhr“. Ein Diesel lohnt sich nur, wenn man viel fährt; denn vergleichsweise günstig war ja nur der Sprit, die Steuer aber war viel höher als bei Benzinern.

Erst viele, viele Jahr später – man hatte sich längst daran gewöhnt, von Wald-und-Wiesen- Vatis mit ihren PS-starken Turbodieselkombis auf der Autobahn in einer Weise zur Seite gedrängt zu werden, wie man sie früher in den Achtzigern nur von Oberklasselimousinen kannte (Lichthupe, dichtes Auffahren) – brachte mein Lebensgefährte seinen schwedischen schwarzen Turbodiesel in unsere Beziehung ein. Was einen, im Hinblick auf meine schlecht bezahlte Tätigkeit bei der taz, skeptischen Freund zu der Bemerkung „Endlich Mittelschicht“ veranlasste und sogar für manchen Sozialneid Anlass bot bei solchen Großstadtvätern, die ihre Bruttransportbehältnisse nicht in einem großzügig bemessenen Kombi transportieren können.

Doch das liebgewordene Geschnaufe und Geschnorchel unter der Haube des fünf Jahre alten Wagens, der nur fünf Liter braucht, läuft unter „Euro 5“. Und das ist nun das Ende?

Kolumne 176

8.2.2018

Martin Reichert Herbstzeitlos

Was heißt eigentlich Hass auf Italienisch?

Misstrauen ist angebracht, wenn sich an einem Dienstagabend zur Kino-Spätvorstellung Heerscharen in der Lichtspielstätte einfinden. Obacht, es könnte sich um einen fiesen Hype handeln. Was sonst könnte der Grund sein, wenn sogar nach dem Mongay noch eine Extra-Vorstellung einberufen wurde?

Andererseits kann es auch angebracht sein, immer nur vom Besten auszugehen: Ist es nicht allzu verständlich, wenn sich von Winter und Lichtlosigkeit gepeinigte Großstädter wacker auf die Beine machen, um endlich Sommer, Licht und Wärme zu tanken – und das auch noch in italienischem Umfeld?.

Call me by your Name“, eine mit schönen Menschen und herrlichen Interieurs ausstaffierte Hipster-Schmonzette, das ist der Film, der die Lemminge heute hierher getrieben hat in das ehemalige Premierenkino der DDR. Das entsprechend großzügig und luftig gestaltet ist, sodass man – gerade an einem Dienstagabend – normalerweise in Ruhe sein Ben & Jerrys kaufen kann, womöglich noch ein bisschen in den Sesseln im Foyer herumlümmeln, dann schön Werbung gucken, zur Einstimmung – für die Apotheke nebenan, Ökostrom und taz.de.

Aber heute: nichts da. Ein Gedränge wie im Karstadt-Schnäppchenmarkt beim Schlussverkauf, aber mit internationaler, kulturelles Interesse ausstellender LGBTIQ*-Crowd; die jedoch nicht frei ist von einer gewissen Rudeness beim Berghain-gestählten Queuing.

Und nein, Döner essen in einer Indoor-Kinoschlange ist sogar in Berlin not decent, das Mit-Hineinnehmen der miefigen Fleischtasche in den Kinosaal erst recht nicht. Am Herkunftsort wäre der jungen Frau von Nonnen auf die Fingerchen geklopft worden, hätte sie es gewagt, auch nur ein Amarettoplätzchen mit in die Vorführung zu nehmen!

Dann endlich geht es los. Die Achtziger sind im Film so schön, dass man fast vergessen kann, wie es damals wirklich war; ungeheuer hilfreich in dieser Hinsicht auch, dass er im Sommer 1983 spielt, also zu einem Zeitpunkt, an dem Aids gerade erst in Europa ankam. Autos ohne Katalysator und Liebe ohne Gummi, Nutella auf dem Frühstückstisch und früher Synthie-Pop im Radio.

Wenn nur die Gegenwart nicht wäre: ein trockener, aber doch kräftiger Husten gleich hinter uns links – und von hinten rechts Tritte in die Rückenlehne. Dazu das Gekraschpel, Geräuspere und Gewispere eines bis auf den letzten Platz besetzten Großkinos.

So nahm also die Hipster-Schmonzette ihren Lauf. Der Sommer so flirrend, die Abende so lauschig. Bisexuelles Nacht- und Nacktbaden. Husten und Tritte in den Rücken, Husten und Tritte in den Rücken. Husten und Tritte in den Rücken. Nach 44 Hustern, also ungefähr in der Hälfte des Films, war mein Lebensgefährte eingeschlafen. Und nach dem 88. Husten war es dann endlich vorbei mit der Herrlichkeit. Aber hey, Amore! Amore! Was Hass auf Italienisch heißt, weiß ich leider nicht.