Martin Reichert in Nürnberger

Martin Reichert präsentiert sein Buch „Die Kapsel – AIDS in der Bundesrepublik“

Am 29. November präsentiert der Journalist und Autor Martin Reichert sein Buch „Die Kapsel – AIDS in der Bundesrepublik“ in der Stadtbibliothek des Nürnberger „südpunkt“. Der Suhrkamp Verlag als Herausgeber schreibt hierzu: „Anhand zahlreicher Begegnungen mit Betroffenen und Zeitzeugen erzählt Martin Reichert die Geschichte dieser Menschen, etwa jener homosexueller Männer, die, abgekapselt von der Gesellschaft, allein mit dem Verlust ihres Partners zurechtkommen mussten: enterbt von der pfälzischen Familie, ausgeladen von der Beerdigung im Schwarzwald und von ihren Mitmenschen stigmatisiert. Aids hat die Art und Weise, wie wir leben und wie wir lieben, tiefgreifend verändert. Die Kapsel berichtet davon, wie die Krankheit ihren Weg ins Bewusstsein der Bundesrepublik fand.“

Es moderieren Uwe Gerdelmann von der AIDS-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth e.V. sowie Andreas Amend von der AIDS-Beratung Mittelfranken der Stadtmission Nürnberg e.V.

Donnerstag, 29. November 2018, 19.00 Uhr

Stadtbibliothek Südstadt im südpunkt Nürnberg
Pillenreuther Str. 147
90459 Nürnberg

Weitere Informationen: Andreas Amend, Telefon (0911) 3 22  50-0

Buchpräsentation Potsdam

Buchpräsentation / Suhrkamp

Dienstag, 27.11.2018, 18:00 Uhr

Wist – Der Literaturladen, Dortustraße 17, 14467 Potsdam

Martin Reichert präsentiert sein Buch Die Kapsel – Aids in der Bundesrepublik
Moderation: Victor Trofimov

In Zusammenarbeit mit der AIDS- Hilfe Potsdam und der Buchhandlung Wist.
Und mit freundlicher Unterstützung von MSD Sharp & Dohme GmbH.

Eintritt: frei

Waldschlösschen: Lesung über die Aids-Geschichte der BRD

Göttingen Tageblat Von Stefan Kirchhoff

Aids hat die Art und Weise, wie vor allem schwule Männer leb(t)en und lieb(t)en stark verändert. Martin Reichert liest am 28. Oktober im Waldschlösschen über den Werdegang ausgegrenzter Menschen

Göttingen. Während der LesBiSchwulen Kulturtage Göttingen liest Martin Reichert am 28. Oktober in der Akademie Waldschlösschen aus seinem Buch „Die Kapsel“. In dem Haus zwischen Reinhausen und Bremke stellt Reichert (Jahrgang ’73) die individuelle und gesellschaftliche Isolation Betroffener seit Anfang der ’80er-Jahre vor; schildert, wie die Krankheit Aids „ihren Weg ins Bewusstsein der Bundesrepublik fand“.

Im Tageblatt-Interview spricht der Historiker, Buchautor und Redakteur der „taz.am wochenende“ über das Motto der Kulturtage „simply queer“, über die Recherche für das Buch und über Homophobie.

Herr Reichert, kennen Sie die LesBiSchwulen Kulturtage in Göttingen?

Ehrlich gesagt: Nein. Ich weiß aber, dass es in Göttingen eine große schwullesbische „Kompetenz“ gibt, viele engagierte Menschen, insbesondere im Umfeld der Universität.

Wie gefällt Ihnen das diesjährige Motto „simply queer“? Menschen mit queeren Identitäten (insbesondere Lesben, Schwule, Bi- und Pansexuelle, Trans*Personen, Inter*Personen – kurz: LSBTIQ) „wollen über ihre Lebensweisen nicht mehr diskutieren. Keine Rechtfertigung für Vielfalt und Selbstbestimmung“, betonen die Veranstalter. Genau Ihre Meinung?

Es kann in der Tat ermüdend sein, wenn man über bestimmte Dinge immer wieder neu diskutieren muss. Aber es ist nun mal so, dass die Gegenaufklärung stets durch die Hintertüre wieder hereinspaziert kommt, wenn man gerade geglaubt hat, dass man wieder einen Schritt weitergekommen ist. Nehmen Sie die Eheöffnung – die Gegner der Liberalisierung werden so schnell keine Ruhe geben.

Martin Reichert: Reportagen über schwules Leben in Moskau und Beirut

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, Ihr politischer Schwerpunkt liegt auf LGBT-Themen – heißt was genau?

In meinem Hauptberuf bin ich Redakteur bei der taz, in der Wochenendausgabe – in dieser Aufgabe muss man Generalist sein. Politisch-inhaltlich fokussiert habe ich mich aber in meinem Berufsleben häufig auf Themen, die mit LGBTI zu tun hatten. Ich habe zum Beispiel Reportagen über schwules Leben in Beirut, im Irak oder auch in Moskau geschrieben. Und immer auch Essays und Kommentare für schwul-lesbische Publikationen, die allerdings zunehmend aussterben.

Wie schätzen Sie den Stellenwert der LesBiSchwulen Kulturtage in Göttingen ein?

Solche Veranstaltungen sind ungeheuer wichtig, weil sie sowohl den Austausch innerhalb der Community befördern als auch in die Gesellschaft hineinwirken. Die Kulturtage zeigen auch, dass queere Menschen mittlerweile ein selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft geworden sind – auch wenn diese Fortschritte weiterhin verteidigt werden müssen.

Im Waldschlösschen lesen Sie aus Ihrem aktuellen Buch „Die Kapsel. Aids in der Bundesrepublik“. Wann begannen Sie mit welchem Plan zu recherchieren? Wie viel Zeit haben Sie für die Recherche und für das Schreiben des Buches benötigt?

Das Projekt hat mich ungefähr zwei Jahre in Anspruch genommen. Ich musste mich zum einen in die Materie einarbeiten – es gibt relativ wenig Literatur zur Situation in Deutschland, da ist man in den angelsächsischen Ländern weiter. Und dann habe ich sehr viele Gespräche geführt, habe diverse Veranstaltungen besucht. Unter anderem auch die „Positiven Begegnungen“ hier im Waldschlösschen.

GRID: Gay Related Immune Deficiency – oder schlicht „Schwulenkrebs“

Wie weit zurück reichen die Geschichten in Ihrem Buch „Die Kapsel“ – bis zum Anfang der 80er?

Ja, das Buch beginnt mit den frühen Achtziger Jahren, zu Anfang wusste man ja noch gar nicht, um welche Krankheit es sich bei diesem „Schwulenkrebs“ aus den USA handelt – war es ein Virus? GRID war der erste Fachbegriff – Gay Related Immune Deficiency.

Um welche Geschichten geht’s. Wie weit rücken Sie mit den Geschichten vor – bis heute?

Ich spreche im ersten Teil des Buches mit Menschen, die ihre Partner und Freunde durch Aids verloren habe – und auch mit Akteuren wie der seinerzeitigen Gesundheitsministerin Rita Süßmuth (aus Göttingen) und dem Sexualwissenschaftler Martin Dannecker. Der zweite Teil des Buches reicht dann in der Tat bis in die Gegenwart des „Neuen Aids“, einer chronischen Krankheit, die nicht mehr zwingend tödlich ist.

Welche Bedeutung hat der Titel?

Der Titel hat eine Mehrfachbedeutung. Einerseits sind die Medikamente gemeint, die alles verändert haben: Infizierte können ein normales Leben führen, sie sind auch nicht mehr ansteckend. Und andererseits steht der Titel für die zahlreichen emotionalen Verkapselungen, die in der Zeit des Sterbens entstanden sind.

„Gib Aids keine Chance“, der Slogan der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (1987), ist heute vielen noch geläufig – die persönliche, familiäre, berufliche Bedeutung ist jedoch un- oder allenfalls abstrakt bekannt. Ist die Aufarbeitung der Aids-Geschichte in der BRD das Anliegen des distanzierten Historikers oder mussten Sie die Qual der Betroffenen, auch aus persönlicher Betroffenheit, bekannt machen.

Persönlich hatte ich das große Glück, niemanden verloren zu haben. Ich hatte in dieser Hinsicht, frei nach Helmut Kohl, tatsächlich so etwas wie die „Gnade der späten Geburt“ – mein Coming Out als schwuler Mann fiel mit der Einführung der neuen Medikamente zusammen, das war 1996. Aber die Angst war trotzdem noch da – als Schwuler ist man sozusagen dichter dran an dem Thema. Man gehört ja zu einer „Risikogruppe“.

„Die Kapsel“: Die Geschichte von Aids in der Bundesrepublik Deutschland

Ihr Verlag schreibt, „Die Kapsel“ sei die „Annäherung an eine Katastrophe, die viele Menschenleben forderte“. Inwiefern ist die Aids-Geschichte der BRD eine Katastrophe?

Menschen sind unter erbärmlichen Qualen gestorben, ohne dass ihnen geholfen werden konnte. Seit Beginn der Epidemie waren es in Deutschland 28 000. Die Gesellschaft war gefordert, einen zivilisierten Umgang mit dieser Situation zu finden. Sollte man die Betroffenen „absondern“ wie man es in Bayern erwog? Oder sollte man die Menschen aufklären und ihnen zeigen, wie man sich schützt? Der vernünftige Weg hat sich am Ende durchgesetzt, auch dank Rita Süßmuth. Einer gläubigen Katholikin, die sich gegen ihren Papst stellen musste, weil es ohne Kondome zu einer viel größeren Katastrophe gekommen wäre.

Wie viele Menschen mussten in welchem Zeitraum sterben?

Seit Beginn der Epidemie waren es in Deutschland 28100

Wie stark waren persönliche Verluste durch Isolation?

Die Kapsel hat noch eine dritte Bedeutung. Denn viele Betroffene, Sterbende haben sich damals abgekapselt von ihren Freunden und Familien – oder wurden ausgegrenzt, starben einsam.

Wer hat ihnen geholfen? Wie hat die Schwulenbewegung reagiert – von wem wurde sie wie unterstützt?

Umgekehrt gab es auch eine große Welle der Solidarität – von Pflegekräften, Freiwilligen. Häufig waren es Frauen, die sich solidarisch zeigten. Hospize entstanden. Prominente wie Alfred Biolek, Inge Meysel, Lea Rosh solidarisierten sich. Teile der Zivilgesellschaft kümmerten sich – und auch wenn man kein Freund der Homosexuellen war, dachte man auch in konservativeren Kreisen: Sterben müssen sie jetzt aber doch nicht alle. Die Schwulenbewegung selbst setzte im Lauf der Krise ungeheure Kräfte frei – aus ihr heraus entstanden die Aids-Hilfen, die später dann auch staatlich unterstützt wurden. Paradox ist, dass die Homosexuellen in ihrer Bedrängnis und Not sichtbarer wurden, was dann zu ihrer Emanzipation beigetragen hat.

Fortschritte ja – aber Homophobie ist präsent / Gewalt gegen queere Menschen

Heute scheint es so, als würden Schwule in der Gesellschaft (fast) so akzeptiert wie Heteros – oder ist das eine mediale Fata Morgana?

Es hat einen ungeheuren Fortschritt gegeben, darüber kann man sich freuen. Andererseits sind die Zeiten gerade nicht gut für Minderheiten – das Fieberthermometer kann hinsichtlich der Homophobie jederzeit wieder ansteigen. Ist es auch schon, die Zahl der Gewalttaten gegen queere Menschen ist gestiegen.

Inwieweit hat die Schwulen/Lesbenbewegung den Weg für „Vielfalt und Selbstbestimmung“ (vor-)bereitet?

Die Schwulenbewegung hat Ende der Siebziger Jahre einen politische Agenda gesetzt, mit dem Ziel, einen völlige Gleichstellung zu erreichen. Und das ist einige Jahrzehnte später mit der Öffnung der Ehe für alle auch geglückt. Die Schwulen und Lesben haben vorgemacht, dass man sich als Minderheit emanzipieren kann, seine Rechte einfordern kann.

Das komplette Programm der Kulturtage auf www.lesbischwule-kulturtage.de; die Lesung: www.waldschloesschen.org

Akademie Waldschlösschen: Einladung zum Sonntagscafé

Anlässlich der LesBiSchwulen* KULTURTAGE in Göttingen laden wir ein: 

Am 28. Oktober

16.30 Uhr „Die Kapsel“ – Lesung mit Martin Reichert

»Truvada« heißt das Wundermittel – die Kapsel, die HIV-Infizierten schon seit einiger Zeit zu Therapiezwecken verschrieben wird, dient mittlerweile auch der Prophylaxe. Was die Mehrheit der Deutschen nicht kennt, sind der Schmerz und die Isolation, die viele Menschen vor der Aufklärungs- und Präventionsarbeit sowie der Entwicklung effektiver Medikamente erfahren mussten.

Anhand zahlreicher Begegnungen mit Betroffenen und Zeitzeugen erzählt Martin Reichert die Geschichte dieser Menschen, etwa jener homosexueller Männer, die, abgekapselt von der Gesellschaft, allein mit dem Verlust ihres Partners zurechtkommen mussten: enterbt von der pfälzischen Familie, ausgeladen von der Beerdigung im Schwarzwald und von ihren Mitmenschen stigmatisiert. Aids hat die Art und Weise, wie vor allem schwule Männer leben und wie wir lieben, tiefgreifend verändert.

Das Buch„Die Kapsel“, erschienen im Juni 2018, berichtet davon, wie die Krankheit ihren Weg ins Bewusstsein der Bundesrepublik fand. 

Martin Reichert, geboren 1973, ist Journalist und Autor. Seit 2004 arbeitet er für die tageszeitung. 2006 wurde er mit dem Felix-Rexhausen-Preis ausgezeichnet. Er lebt in Berlin.

Vor der Lesung laden wir – ab 15 Uhr – zum Sonntagscafé ein samt einer Hausbesichtigung für Interessierte.

Eintritt frei, Kaffee und Kuchen zum Selbstkostenpreis

Kolumne 182

16.8.2018

Martin Reichert Herbstzeitlos

Noch ein allerletztes MalKolumne Schreiben 

Zum letzten Mal draußen im Garten sitzen, schon mit einer Decke auf dem Schoß, und Kaffee trinken und Kuchen mit Streuseln essen, während oben im kühl-stahlblauen Himmel die Kraniche singen, Nachzügler schon auf dem Weg in den Süden.

Noch ein letztes Bier bestellen, wenn alle schon lange gegangen sind, und draußen vor dem großen Fenster wird es morgengrau in der großen Stadt und Menschen mit ebensolchen Gesichtern hetzen zur Bahn. Und dann noch ein letztes Lied, „Sometimes it snows in April“.

Noch ein letztes Mal durch die alte Wohnung gehen, bevor der Schlüssel an den Vermieter zurückgeht. Noch ein letztes Mal auf dem alten Küchenstuhl mit der abgeblätterten grünen Farbe sitzen, der morgen früh auf der Straße verregnen wird. Den weißen Fleck auf der Wand im Schlafzimmer betrachten, den eben noch das Foto zweier Liebender von einst bedeckte.

Noch einmal im Kreis fahren mit dem „Polyp“-Karussell auf der Kirmes in der alten Heimat, „letzte Fahrt für heute“, ruft jemand aufgekratzt und zugleich ermüdet durch die Lautsprecherboxen, dann brandet „Rhythm is a Dancer“ auf und alles dreht sich, dreht sich, dreht sich. Die Krakenarme drehen sich, die Gondeln drehen sich, alles dreht sich auf einer Scheibe im Kreis. Und alles wird ganz leicht, als wäre gar nichts passiert.

Noch einmal gemeinsam mit den Eltern den steilen Weg gehen durch die mit Schieferbruch bedeckten Weinberge im goldenen Oktoberlicht. Die Knie. Die Hüften. Das Herz. Der schöne Blick auf das Moseltal und dort hinten, die alte Burg.

Noch einmal zusammen auf den Wochenmarkt gehen mit der so vertrauten Freundin, die in der nächsten Woche nach Südwestdeutschland umziehen wird, um zu heiraten und Kinder zu bekommen und um zu versuchen, ihr Glück zu finden. Woanders. Noch einmal zusammen Blumen kaufen und mit Kräutern eingelegte Oliven und zu dem Stand gehen mit dem frisch gepressten, süßsauren Orangensaft, „ich lade dich ein“. Und: „Lass uns in Verbindung bleiben, ja?“

Noch einmal die Tür hinter sich zuziehen im bis eben noch gemeinsamen Haus und gleichzeitig wissen, dass man nie wiederkommen wird. Erst Jahre später werden die Gefühle so unauffindbar sein wie die Bücher, die man hat liegen lassen, irgendwo im zweiten Stock.

Noch einmal baden gehen im abgekühlten Wasser des Golfes von Triest, bevor es nach Hause geht, zurück nach Deutschland. Noch einmal zwischen den Felsen balancieren, noch einmal Meerwasser schlucken und zuhören, wie die Wellen an den Strand schlagen und die Steine zu Murmeln werden lassen, die sich nass aneinander reiben, ein Kieselklang. Noch einmal aus dem Wasser steigen und sich in ein Handtuch wickeln und hinausschauen auf die Bucht, wo die Frachter auf Reede liegen.

Und einmal noch Kolumne schreiben auf der Seite vierzehn der taz. Zum letzten Mal.

Kolumne 181

27.7.2018

Martin Reichert Herbstzeitlos

Ganz ohne Schirm 

Was New York so alles über sich preisgibt, wenn man nur ein paar Minuten lang Zuflucht vor dem plötzlichen Platzregen sucht.

Warum sollte man einen Schirm dabei haben, wenn man sich in New York herumtreibt bei über 30 Grad im Schatten?

Hell’s Kitchen am Spätnachmittag. Ein Tropfen. Zwei Tropfen. Drei Tropfen. Dann kommt die Gewitterwand, in einem Affenzahn naht sie vom übernächsten Block her; bedrohlich wie in einem Blockbuster. Tatsächlich heulen Polizeisirenen, aber sie gelten nicht unserer Not. Dort, gleich rechts: ein überdachter Hauseingang; dort rennen wir hin, so schnell es nur geht. Eine ältere Dame folgt uns, auch sie ohne Schirm. Das lange graue Haar zu einem Zopf gebunden, eine perlmuttfarbene Brille, eine New Yorkerin wie aus einem Buch entsprungen.

Das Haus hat so zehn, fünfzehn Stockwerke, und wenn der Eindruck stimmt, ist die von der nahe gelegenen High Line ausgehende Gen­trifizierungswelle hier noch nicht angekommen. Ein älterer Mann in schmutzig grauem Unterhemd kommt aus dem Haus geschlurft, schaut sich die massive Regenwand an, die nun vor uns steht wie aus Beton gegossen und ­murmelt so etwas wie incredible, bevor er sich eine Zigarette (!) anzündet. Er zieht einmal, zweimal. Dreimal. Und schlurft wieder in das Haus; doch ein junger Mann winkt nun von innen: „Wanna come in?“ Wenn wir wollten, dürften wir hineinkommen und den wenigen Platz vor den Briefkästen blockieren statt, so wie jetzt, den ganzen Eingang. Doch niemand beschwert sich, auch nicht die übergewichtigen Frauen, die mit ihren Einkaufs­taschen und Schirmen kaum an uns vorbeikommen auf ihrem Weg in ihr angestammtes Terrain, ihr Zuhause. Schnell ins Trockene, aber für uns drei haben sie ein Lächeln übrig, ein freundliches Wort.

Als die Regenwand durchsichtiger wird und dann sogar zu verschwinden scheint, wagen wir uns hervor, rennen bis zum nächsten Block. Doch dann kommt der Regen wieder, im nächsten Hauseingang treffen wir die alte Dame wieder. Eine junge Frau ist dazugekommen, sie hat sich unter einem durchsichtigen, glockenförmigen Schirm verschanzt, ist ununterbrochen via Smartphone in Kontakt mit der Außenwelt, nicht aber mit uns.

Der Vorsprung ist noch schmaler, das Haus ist so groß wie das vorherige, drinnen gibt es einen Concierge, einen Wachmann, ein Ledersofa und eine Designerlampe. Hier bittet uns keiner herein. Vielmehr werden wir zum Problem, als einer der bewachten Hausbewohner herauswill und wir im Weg stehen: „Are these people a problem for you?, fragt der Wachmann servil, doch der Gefragte, Brooks-Brothers-Hemd und Chinos, schaut kurz auf die nasse Wand, lächelt, geht wieder zurück zum Aufzug, dessen Türen silbern schimmern – vielleicht bestellt er einen Fahrdienst?

Glück gehabt. Wir dürfen bleiben, alle vier. Bis der Regen aufhört und wir alle wieder unserer Wege gehen, „Singing and dancing in the rain / What a glorious feeling / And I’m happy again / and singing – in the rain“. Wer braucht schon einen Schirm.

Kolumne 180

7.7.2018

Martin Reichert Herbstzeitlos

Seitlich dran vorbei gehen 

Fußball ist für unseren Autoren in erster Linie ein Geräusch, das erklingt, wenn er irgendwo vorbeigeht, wo andere öffentlich gucken.

„Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens“, gleich ein ganzes Buch von Max Goldt trägt diesen Titel – und dieser Tage hat mich der schöne Satz recht häufig begleitet auf meinen Wegen. Weil doch Fußball-WM ist und das „Public Viewing“ seit dem „Sommermärchen“ zum öffentlichen Leben des Landes dazugehört. Auch wenn „Schland“ längst ausgeschieden ist.

Fußball war und ist für mich in erster Linie ein Geräusch. Ein Klangteppich aus Fan-Gesängen und Gegröle, durchbrochen von Gehupe und überblendet von aufgeregten Kommentatoren-Stimmen. Und nur manchmal ein Gesicht, wenn es gefällig ist wie das von Mats Hummels.

Oder einprägsam und unausweichlich wie das des „Bundestrainers“ Yogi Löw; jemand der nie zu lachen scheint aber manchmal lustige Dinge tut. In der Nase bohren oder sich am Gemächt kratzen und 50 Millionen schauen live zu, solche Dinge.

Die Geräusche gehen weiter, auch ohne Schland. Wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich überall große, viereckige grüne Flecken, vor denen sich kleine Menschentrauben bilden. Flatscreens, die vor Kneipen, Spät- und Backshops aufgebaut sind.

Menschengrüppchen

Die Screens wurden aufgehängt, angedübelt oder auf abenteuerliche Tisch- und Regalkonsturktionen gestellt, wirre Kabelagen dahinter, die in geöffneten Fenstern verschwinden oder scheinbar hinter Blumenkübeln enden.

Menschen sitzen auf Plastikstühlen rund um den Bildschirm, in Shorts und Flip-Flops. Frauen halten Bierflaschen in der Hand, gerne Radler von Gösser, Männer auch. Geht man langsam an den Menschengrüppchen vorbei riecht es nach Zigarettenrauch, Alkohol, Sonnenlotion und Duschgel, so, als hätte man sich aus Versehen auf einem Campingplatz irgendwo am Meer verlaufen.

Belegte Brötchen mit schwitzender Salami werden gegessen, manchmal auch Bockwurst mit Senf. Kleinkinder wuseln um die Eltern herum auf dem Trottoir. Auch die Angestellten schauen zu.

Oben in der Mitte des grünen Flecks sieht man stets zwei kleine Flaggen und Zahlen – also welches Land gegen welches spielt und „wie es steht“. Gestern erst fragte mich ein Wildfremder wie es denn stehe, nachdem ich an einem großen Public Viewing-Gelände vorbeigegangen war, also einem solchen mit eigenen Bratwurststand und Bierausschank, und ich konnte nur mit den Achseln zucken.

Unterlassen des Drogenhandels

Ich wusste nur, dass einige der T-Shirts gelb-blau waren, so wie die Tragetaschen bei Ikea. Und dass die vor der grünen Fläche ausharrenden irgendwie tapfer auf mich wirkten. Wie jemand, der auch nach einem Bombenattentat noch Kirmes feiert, weil das Leben bedeutet.

Das schönste seitliche Vorbeigehen aber widerfuhr mir im nahe gelegenen Park, der Berliner Hasenheide. Es gibt dort einen Pavillon im Zentrum, mit Flaschenbier und Tiefkühlkuchen; und einer großen Public-Viewing-Leinwand. Und dort versammelt saßen an einem Nachmittag in der letzten Woche sämtliche Dealer, die sonst entlang der Wege ihren Geschäften nachgehen, um ein Spiel zu sehen, dass für sie offensichtlich von so großer Bedeutung war, dass sie das Verticken auch mal Verticken sein ließen.

Müssen die KonsumentInnen halt mal was anderes oder gar nichts einwerfen, ziehen oder rauchen. Eine Unterlassung des Drogenhandels, zu der es sonst nur bei den routinemäßigen, eher lustlos ausgeführten Razzien der Polizei kommt.

Der Zauber dieser WM ist für mich die scheinbar mit ihr einher gehende Trägheit. Das Leben, nichts als ein langer, großer Fluss. Viel länger als bloß zwei mal 45 Minuten.

Leben mit dem Virus Als die Aids-Welle über Berlin hereinbrach

Berliner Zeitung, 26.08.2018

Im Café Berio haben wir uns verabredet, weil es fürs Tom’s noch zu früh ist und es das Café Central schon lange nicht mehr gibt. Als es das Café Central in Berlin-Schöneberg noch gab, Mitte der 80er-Jahre, waren Maja Zogg und Udo Hartmann beste Freunde und zogen gemeinsam um die Häuser, gerne hier im „Bermudadreieck“ um die Motzstraße herum, damals wie heute ein schwules Ausgehviertel.

Wenn man sie so am Tisch sitzen sieht in der Geborgenheit des Café Berio, könnte man sie für ein altes Ehepaar halten: eine elegant angeschrägte Dame in den Fünfzigern, die eine riesige Puck-Brille mit getönten Gläsern trägt, und ein distinguierter älterer Herr um die Sechzig mit kleinem Bauch. „Wir wollten ja heiraten damals, Udo, erinnerst du dich?“, sagt Maja mit ihrem Schweizer Akzent, „hheirraten“. – „Ja“, lacht Udo, „du in einem weißen Lederkleid und ich im schwarzen Lederanzug mit Nieten.“

Seit Jahren haben sich die beiden nicht gesehen, und eigentlich ist es total unwahrscheinlich, dass Udo überhaupt hier sitzt: Er ist ein sogenannter Langzeitpositiver, seine Diagnose bekam er bereits 1985, im ersten Sommer, in dem HIV-Tests möglich waren: In den USA war der „ELISA“-Suchtest entwickelt worden. Drei Jahre zuvor, 1982, waren dort auch die ersten Fälle des „Schwulenkrebses“ aufgetaucht – eine Erkrankung, die man zunächst gar nicht einordnen konnte. War es ein Virus?

„Ich wollte eine freie, unabhängige Sexualität“

Im Jahr 1984 schliesslich wurde die Krankheitsursache entdeckt, das Hi-Virus. Just im gleichen Jahr waren Maja und Udo in Berlin gelandet; einer der größten Hits des Jahres war „Forever Young“ von Alphaville. Kennengelernt hatten sie sich in Hannover: Udo war Schauspieler an der Landesbühne, Maja machte eine Ausbildung zur Theatermalerin. „Du warst so süß, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, wie du mit einem Schirmchen über die Brücke gegangen bist“, sagt Maja. In den Herrenhäuser Gärten war das. „Die Bremer Stadtmusikanten haben wir gegeben, im Sommertheater. Ich spielte einen fetten Koch“, erinnert sich Udo.

Schon in Hannover waren die beiden viel unterwegs, „nie in einer Schwulenbar, das wüsste ich“, sagt Maja. Gab es die damals in Hannover überhaupt? „Natürlich, in der Nähe des Bahnhofs, eine sogar mit Dunkelraum“, erinnert sich Udo. „Klappen waren sowieso überall, in Paderborn sogar direkt unter dem Dom.“ Man habe zu dieser Zeit nichts zu befürchten gehabt als schwuler Mann. Tripper, Syphilis und Filzläuse waren lästig, aber gut behandelbar.

„Maja war damals die schlimmste Frau von allen – sie hat den anderen gezeigt, wie man Männer abschleppt.“ Es ist ihr überhaupt nicht peinlich – warum auch? „Ich wollte eine freie, unabhängige Sexualität“, sagt sie. Zunächst nahm sie die Pille, mit sechsundzwanzig ließ sie sich sterilisieren, Kinder wollte sie keine. Ihr langes Haar hat sie seinerzeit abgeschnitten, um sich die Kavaliere älterer Schule vom Leib zu halten. „Das hat funktioniert, für die war ich nicht mehr interessant – und konnte mich auf die Männer konzentrieren, die ich haben wollte. Das war schön.“

Wunden, die nicht heilen

Das Jahr 1985 schließlich hat für Udo alles verändert. Nach einem schweren Autounfall wurde er im Virchow-Klinikum zu einem „interessanten Fall“: komplett lädierte linke Körperhälfte, notoperierte Leber, Hepatitis. Und HIV.

Das war so viel auf einmal, dass es ihn womöglich gerettet hat. „Jahre später, es ging mir beschissen, stand ich wieder auf dieser Brücke am Kaiserdamm, an der der Unfall passiert war und dachte: ,Du hast diesen Unfall überlebt, jetzt überlebst du auch HIV.‘ Gesprungen bin ich nicht.“ In seinen Beruf ist er nie mehr wirklich zurückgekommen, zunächst wegen der unfallbedingten Verletzungen, später aufgrund der Aids-Erkrankung – Wunden, die nicht heilen wollten, eine Blutvergiftung, Lungentzündungen, diverse Klinikaufenthalte. Maja hat ihn damals regelmäßig im Krankenhaus besucht, „wir haben uns weiter umarmt und geküsst“. Sie hat dann auch einen Aids-Test machen lassen. Negativ.

Wir verlassen das Café Berio und ziehen weiter in den Hafen. Maja hätte gern ein Bier, Udo trinkt nicht mehr. Er raucht auch nicht mehr, hat aber nichts dagegen, in der „Raucher-Lounge“, einem kleinen Separee im hinteren Teil der schwulen Traditionsbar, Platz zu nehmen. Udo zeigt auf seinem Smartphone ein Porträtfoto von sich, aus dem Jahr 1985. Ein schöner junger Mann mit schwarzem Haar, kokett anmutenden Lippen und fein geschwungenen Linien.

Schutz durch Kondome

Maja verlor in diesem Jahr ihre erste große Jugendliebe, einen Italiener, der gefixt hatte. „Aber ansonsten wähnten sich die Heteros meist in Sicherheit – das Ganze galt als Angelegenheit von Schwulen und Drogenabhängigen. Man frönte weiter“, erinnert Maja sich, „dem alten und heute abgedroschen wirkenden Spruch aus den Siebzigern: ,Wer zwei mal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.‘“ Und die Schwulen? „Da gab es, wie bei Heteros, die komplett Hysterischen und die Besonnenen“, sagt Udo.

„Die Hysterischen hatten dann lange gar keinen Sex mehr, überhaupt nichts. Die anderen sagten sich: Okay, es kommt nicht aus er Poppersflasche oder aus der Luft, es ist ein Virus, und man kann sich davor schützen.“

Nachdem die Übertragungswege des Virus bekannt waren, wurde auch klar, wie sich die Menschen schützen konnten: mit Kondomen. Ab 1985 rieten auch die Aids-Hilfen offiziell zur Nutzung des Präservativs – zwei Jahre später wurde es zum „Wort des Jahres“.

Lebensdauer verlängern war damals ein großer Erfolg

Die beiden haben Hunger bekommen, wollen am Winterfeldplatz Schawarma essen. Wir sitzen am Tisch und essen, Soße tropft aus den Fladenbroten. Udo erinnert sich an die frühen 90er-Jahre. Damals bekam er AZT, „in niedriger Dosierung“, lange das einzige effektive Mittel, allerdings mit starken Nebenwirkungen.Udo hatte unter anderem Probleme mit seinen Thrombozyten. Heilung brachte es nicht, es ging eher darum, die Lebensdauer zu verlängern.

Regelmäßig Pillen schlucken, Blutabnahmen, Helferzellen zählen, das bestimmte nun Udos Alltag. Ebenso wie die Aussicht, bald sterben zu müssen. „Bei jedem Sonnenuntergang dachte ich, es könnte mein letzter sein. Wenn ich am Mittelmeer war, dachte ich, dass ich es vielleicht nie wiedersehe. Das hat mein Leben intensiviert. Es war nicht so, dass es eine einzige Katastrophe war. Es war alles dabei – inklusive heftiger Phasen des Exzesses. Ich wollte mich spüren. Spüren, dass ich noch lebe.“

Immer wieder quälten ihn gesundheitliche Probleme. Schließlich ließ er sich berenten, zog in eine Sozialwohnung. Er engagierte sich ehrenamtlich für die Aids-Hilfe, machte unter anderem Telefonberatung. Aids gehörte nun zu ihm, nahm vielleicht sogar zu viel Raum ein. Und Maja ging ihre eigenen Wege, lernte ihren Lebensgefährten Klaus kennen, einen Tierarzt aus dem Wendtland.

Plötzlich wieder Hoffnung

Jahre später dann das Wunder von 1996: „Ich war in der Toskana, in einem Haus von Freunden in den Bergen. Die Welt ist dort oben ziemlich weit weg. Dann kam ein Freund mit dem neuen Spiegel, wenig später riefen mich andere Freunde aus Deutschland an, weil sie in den Zeitungen gelesen hatten, dass es einen sensationellen Durchbruch bei der Bekämpfung von Aids gegeben hatte. Das war HAART, die Dreifachkombinationsprophylaxe.“ Udo wirkt noch heute gerührt, wenn er von diesem Ereignis spricht. „Es war ein Triumph. Plötzlich war da wieder Hoffnung.“

Berechtigte Hoffnung, wie sich zeigen sollte. Nach Einnahme des neuen Medikamentencocktails stieg bei den Patienten die Zahl der Helferzellen, Kaposi-Sarkome verschwanden einfach, „man bekam nicht mehr diese ständigen Lungenentzündungen, und die Nebenwirkungen waren weniger grauenhaft“.

Erst zwei Jahre später begriff Udo, was geschehen war. Und er, der eigentlich Todgeweihte, fiel in ein tiefes Loch. „Lazarus-Phänomen, so nennt man das, wenn jemand, der eigentlich schon für tot erklärt wurde, doch wieder Lebenszeichen aufweist. Ich stand plötzlich da und begriff, dass ich wieder eine Perspektive hatte. Aber was hatte ich in den Händen?“ Er war Rentner, ohne Beruf, seine Karriere war beendet. „Ich hatte das Gefühl, dass ich überhaupt nichts mehr kann. Gar nichts.“ Gerettet hat ihn schließlich sein Hund, den er kurz zuvor angeschafft hatte, „dem hatte ich ja versprochen, dass ich mich kümmere, Verantwortung übernehme“.

Scham, Angst und Tod

Heute ist Aids für Udo wieder kleiner geworden, hat nicht mehr dieselbe Bedeutung. Vielleicht ist er damit wieder näher an Maja. „Ihr wart ja nie so richtig betroffen.“ Udo sagt das ohne Vorwurf. „Ihr“, das sind die Heteros. Das „Wir“, es bleibt am Ende.

„Wir sind ja nicht in die sexuelle Revolution reingeboren, wir haben sie mit entwickelt“, sagt Udo, und Maja ergänzt: „Wir sind die Nachzügler der Achtundsechziger, die hatten viele Freiheiten erkämpft, aber wir haben das dann ausgelebt. Es war ein großes Gefühl von Freiheit, bevor der Aids-Schock kam.

Könnte es nicht sein, dass viele schwule Männer seiner Generation diese schreckliche Zeit vergessen möchten und nicht können? Dass sie nicht darüber reden wollen? Das ständige Sterben, die Stigmatisierung, dieser abscheuliche Mix aus Schuld, Scham, Angst und Tod. „Ja“, sagt Udo, „das kann sein.“

Der Autor ist Verfasser des Buchs „Die Kapsel – Aids in der Bundesrepublik“, das kürzlich bei Suhrkamp erschienen ist.