Akademie Waldschlösschen: Einladung zum Sonntagscafé

Anlässlich der LesBiSchwulen* KULTURTAGE in Göttingen laden wir ein: 

Am 28. Oktober

16.30 Uhr „Die Kapsel“ – Lesung mit Martin Reichert

»Truvada« heißt das Wundermittel – die Kapsel, die HIV-Infizierten schon seit einiger Zeit zu Therapiezwecken verschrieben wird, dient mittlerweile auch der Prophylaxe. Was die Mehrheit der Deutschen nicht kennt, sind der Schmerz und die Isolation, die viele Menschen vor der Aufklärungs- und Präventionsarbeit sowie der Entwicklung effektiver Medikamente erfahren mussten.

Anhand zahlreicher Begegnungen mit Betroffenen und Zeitzeugen erzählt Martin Reichert die Geschichte dieser Menschen, etwa jener homosexueller Männer, die, abgekapselt von der Gesellschaft, allein mit dem Verlust ihres Partners zurechtkommen mussten: enterbt von der pfälzischen Familie, ausgeladen von der Beerdigung im Schwarzwald und von ihren Mitmenschen stigmatisiert. Aids hat die Art und Weise, wie vor allem schwule Männer leben und wie wir lieben, tiefgreifend verändert.

Das Buch„Die Kapsel“, erschienen im Juni 2018, berichtet davon, wie die Krankheit ihren Weg ins Bewusstsein der Bundesrepublik fand. 

Martin Reichert, geboren 1973, ist Journalist und Autor. Seit 2004 arbeitet er für die tageszeitung. 2006 wurde er mit dem Felix-Rexhausen-Preis ausgezeichnet. Er lebt in Berlin.

Vor der Lesung laden wir – ab 15 Uhr – zum Sonntagscafé ein samt einer Hausbesichtigung für Interessierte.

Eintritt frei, Kaffee und Kuchen zum Selbstkostenpreis

Kolumne 182

16.8.2018

Martin Reichert Herbstzeitlos

Noch ein allerletztes MalKolumne Schreiben 

Zum letzten Mal draußen im Garten sitzen, schon mit einer Decke auf dem Schoß, und Kaffee trinken und Kuchen mit Streuseln essen, während oben im kühl-stahlblauen Himmel die Kraniche singen, Nachzügler schon auf dem Weg in den Süden.

Noch ein letztes Bier bestellen, wenn alle schon lange gegangen sind, und draußen vor dem großen Fenster wird es morgengrau in der großen Stadt und Menschen mit ebensolchen Gesichtern hetzen zur Bahn. Und dann noch ein letztes Lied, „Sometimes it snows in April“.

Noch ein letztes Mal durch die alte Wohnung gehen, bevor der Schlüssel an den Vermieter zurückgeht. Noch ein letztes Mal auf dem alten Küchenstuhl mit der abgeblätterten grünen Farbe sitzen, der morgen früh auf der Straße verregnen wird. Den weißen Fleck auf der Wand im Schlafzimmer betrachten, den eben noch das Foto zweier Liebender von einst bedeckte.

Noch einmal im Kreis fahren mit dem „Polyp“-Karussell auf der Kirmes in der alten Heimat, „letzte Fahrt für heute“, ruft jemand aufgekratzt und zugleich ermüdet durch die Lautsprecherboxen, dann brandet „Rhythm is a Dancer“ auf und alles dreht sich, dreht sich, dreht sich. Die Krakenarme drehen sich, die Gondeln drehen sich, alles dreht sich auf einer Scheibe im Kreis. Und alles wird ganz leicht, als wäre gar nichts passiert.

Noch einmal gemeinsam mit den Eltern den steilen Weg gehen durch die mit Schieferbruch bedeckten Weinberge im goldenen Oktoberlicht. Die Knie. Die Hüften. Das Herz. Der schöne Blick auf das Moseltal und dort hinten, die alte Burg.

Noch einmal zusammen auf den Wochenmarkt gehen mit der so vertrauten Freundin, die in der nächsten Woche nach Südwestdeutschland umziehen wird, um zu heiraten und Kinder zu bekommen und um zu versuchen, ihr Glück zu finden. Woanders. Noch einmal zusammen Blumen kaufen und mit Kräutern eingelegte Oliven und zu dem Stand gehen mit dem frisch gepressten, süßsauren Orangensaft, „ich lade dich ein“. Und: „Lass uns in Verbindung bleiben, ja?“

Noch einmal die Tür hinter sich zuziehen im bis eben noch gemeinsamen Haus und gleichzeitig wissen, dass man nie wiederkommen wird. Erst Jahre später werden die Gefühle so unauffindbar sein wie die Bücher, die man hat liegen lassen, irgendwo im zweiten Stock.

Noch einmal baden gehen im abgekühlten Wasser des Golfes von Triest, bevor es nach Hause geht, zurück nach Deutschland. Noch einmal zwischen den Felsen balancieren, noch einmal Meerwasser schlucken und zuhören, wie die Wellen an den Strand schlagen und die Steine zu Murmeln werden lassen, die sich nass aneinander reiben, ein Kieselklang. Noch einmal aus dem Wasser steigen und sich in ein Handtuch wickeln und hinausschauen auf die Bucht, wo die Frachter auf Reede liegen.

Und einmal noch Kolumne schreiben auf der Seite vierzehn der taz. Zum letzten Mal.

Kolumne 181

27.7.2018

Martin Reichert Herbstzeitlos

Ganz ohne Schirm 

Was New York so alles über sich preisgibt, wenn man nur ein paar Minuten lang Zuflucht vor dem plötzlichen Platzregen sucht.

Warum sollte man einen Schirm dabei haben, wenn man sich in New York herumtreibt bei über 30 Grad im Schatten?

Hell’s Kitchen am Spätnachmittag. Ein Tropfen. Zwei Tropfen. Drei Tropfen. Dann kommt die Gewitterwand, in einem Affenzahn naht sie vom übernächsten Block her; bedrohlich wie in einem Blockbuster. Tatsächlich heulen Polizeisirenen, aber sie gelten nicht unserer Not. Dort, gleich rechts: ein überdachter Hauseingang; dort rennen wir hin, so schnell es nur geht. Eine ältere Dame folgt uns, auch sie ohne Schirm. Das lange graue Haar zu einem Zopf gebunden, eine perlmuttfarbene Brille, eine New Yorkerin wie aus einem Buch entsprungen.

Das Haus hat so zehn, fünfzehn Stockwerke, und wenn der Eindruck stimmt, ist die von der nahe gelegenen High Line ausgehende Gen­trifizierungswelle hier noch nicht angekommen. Ein älterer Mann in schmutzig grauem Unterhemd kommt aus dem Haus geschlurft, schaut sich die massive Regenwand an, die nun vor uns steht wie aus Beton gegossen und ­murmelt so etwas wie incredible, bevor er sich eine Zigarette (!) anzündet. Er zieht einmal, zweimal. Dreimal. Und schlurft wieder in das Haus; doch ein junger Mann winkt nun von innen: „Wanna come in?“ Wenn wir wollten, dürften wir hineinkommen und den wenigen Platz vor den Briefkästen blockieren statt, so wie jetzt, den ganzen Eingang. Doch niemand beschwert sich, auch nicht die übergewichtigen Frauen, die mit ihren Einkaufs­taschen und Schirmen kaum an uns vorbeikommen auf ihrem Weg in ihr angestammtes Terrain, ihr Zuhause. Schnell ins Trockene, aber für uns drei haben sie ein Lächeln übrig, ein freundliches Wort.

Als die Regenwand durchsichtiger wird und dann sogar zu verschwinden scheint, wagen wir uns hervor, rennen bis zum nächsten Block. Doch dann kommt der Regen wieder, im nächsten Hauseingang treffen wir die alte Dame wieder. Eine junge Frau ist dazugekommen, sie hat sich unter einem durchsichtigen, glockenförmigen Schirm verschanzt, ist ununterbrochen via Smartphone in Kontakt mit der Außenwelt, nicht aber mit uns.

Der Vorsprung ist noch schmaler, das Haus ist so groß wie das vorherige, drinnen gibt es einen Concierge, einen Wachmann, ein Ledersofa und eine Designerlampe. Hier bittet uns keiner herein. Vielmehr werden wir zum Problem, als einer der bewachten Hausbewohner herauswill und wir im Weg stehen: „Are these people a problem for you?, fragt der Wachmann servil, doch der Gefragte, Brooks-Brothers-Hemd und Chinos, schaut kurz auf die nasse Wand, lächelt, geht wieder zurück zum Aufzug, dessen Türen silbern schimmern – vielleicht bestellt er einen Fahrdienst?

Glück gehabt. Wir dürfen bleiben, alle vier. Bis der Regen aufhört und wir alle wieder unserer Wege gehen, „Singing and dancing in the rain / What a glorious feeling / And I’m happy again / and singing – in the rain“. Wer braucht schon einen Schirm.

Kolumne 180

7.7.2018

Martin Reichert Herbstzeitlos

Seitlich dran vorbei gehen 

Fußball ist für unseren Autoren in erster Linie ein Geräusch, das erklingt, wenn er irgendwo vorbeigeht, wo andere öffentlich gucken.

„Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens“, gleich ein ganzes Buch von Max Goldt trägt diesen Titel – und dieser Tage hat mich der schöne Satz recht häufig begleitet auf meinen Wegen. Weil doch Fußball-WM ist und das „Public Viewing“ seit dem „Sommermärchen“ zum öffentlichen Leben des Landes dazugehört. Auch wenn „Schland“ längst ausgeschieden ist.

Fußball war und ist für mich in erster Linie ein Geräusch. Ein Klangteppich aus Fan-Gesängen und Gegröle, durchbrochen von Gehupe und überblendet von aufgeregten Kommentatoren-Stimmen. Und nur manchmal ein Gesicht, wenn es gefällig ist wie das von Mats Hummels.

Oder einprägsam und unausweichlich wie das des „Bundestrainers“ Yogi Löw; jemand der nie zu lachen scheint aber manchmal lustige Dinge tut. In der Nase bohren oder sich am Gemächt kratzen und 50 Millionen schauen live zu, solche Dinge.

Die Geräusche gehen weiter, auch ohne Schland. Wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich überall große, viereckige grüne Flecken, vor denen sich kleine Menschentrauben bilden. Flatscreens, die vor Kneipen, Spät- und Backshops aufgebaut sind.

Menschengrüppchen

Die Screens wurden aufgehängt, angedübelt oder auf abenteuerliche Tisch- und Regalkonsturktionen gestellt, wirre Kabelagen dahinter, die in geöffneten Fenstern verschwinden oder scheinbar hinter Blumenkübeln enden.

Menschen sitzen auf Plastikstühlen rund um den Bildschirm, in Shorts und Flip-Flops. Frauen halten Bierflaschen in der Hand, gerne Radler von Gösser, Männer auch. Geht man langsam an den Menschengrüppchen vorbei riecht es nach Zigarettenrauch, Alkohol, Sonnenlotion und Duschgel, so, als hätte man sich aus Versehen auf einem Campingplatz irgendwo am Meer verlaufen.

Belegte Brötchen mit schwitzender Salami werden gegessen, manchmal auch Bockwurst mit Senf. Kleinkinder wuseln um die Eltern herum auf dem Trottoir. Auch die Angestellten schauen zu.

Oben in der Mitte des grünen Flecks sieht man stets zwei kleine Flaggen und Zahlen – also welches Land gegen welches spielt und „wie es steht“. Gestern erst fragte mich ein Wildfremder wie es denn stehe, nachdem ich an einem großen Public Viewing-Gelände vorbeigegangen war, also einem solchen mit eigenen Bratwurststand und Bierausschank, und ich konnte nur mit den Achseln zucken.

Unterlassen des Drogenhandels

Ich wusste nur, dass einige der T-Shirts gelb-blau waren, so wie die Tragetaschen bei Ikea. Und dass die vor der grünen Fläche ausharrenden irgendwie tapfer auf mich wirkten. Wie jemand, der auch nach einem Bombenattentat noch Kirmes feiert, weil das Leben bedeutet.

Das schönste seitliche Vorbeigehen aber widerfuhr mir im nahe gelegenen Park, der Berliner Hasenheide. Es gibt dort einen Pavillon im Zentrum, mit Flaschenbier und Tiefkühlkuchen; und einer großen Public-Viewing-Leinwand. Und dort versammelt saßen an einem Nachmittag in der letzten Woche sämtliche Dealer, die sonst entlang der Wege ihren Geschäften nachgehen, um ein Spiel zu sehen, dass für sie offensichtlich von so großer Bedeutung war, dass sie das Verticken auch mal Verticken sein ließen.

Müssen die KonsumentInnen halt mal was anderes oder gar nichts einwerfen, ziehen oder rauchen. Eine Unterlassung des Drogenhandels, zu der es sonst nur bei den routinemäßigen, eher lustlos ausgeführten Razzien der Polizei kommt.

Der Zauber dieser WM ist für mich die scheinbar mit ihr einher gehende Trägheit. Das Leben, nichts als ein langer, großer Fluss. Viel länger als bloß zwei mal 45 Minuten.

Leben mit dem Virus Als die Aids-Welle über Berlin hereinbrach

Berliner Zeitung, 26.08.2018

Im Café Berio haben wir uns verabredet, weil es fürs Tom’s noch zu früh ist und es das Café Central schon lange nicht mehr gibt. Als es das Café Central in Berlin-Schöneberg noch gab, Mitte der 80er-Jahre, waren Maja Zogg und Udo Hartmann beste Freunde und zogen gemeinsam um die Häuser, gerne hier im „Bermudadreieck“ um die Motzstraße herum, damals wie heute ein schwules Ausgehviertel.

Wenn man sie so am Tisch sitzen sieht in der Geborgenheit des Café Berio, könnte man sie für ein altes Ehepaar halten: eine elegant angeschrägte Dame in den Fünfzigern, die eine riesige Puck-Brille mit getönten Gläsern trägt, und ein distinguierter älterer Herr um die Sechzig mit kleinem Bauch. „Wir wollten ja heiraten damals, Udo, erinnerst du dich?“, sagt Maja mit ihrem Schweizer Akzent, „hheirraten“. – „Ja“, lacht Udo, „du in einem weißen Lederkleid und ich im schwarzen Lederanzug mit Nieten.“

Seit Jahren haben sich die beiden nicht gesehen, und eigentlich ist es total unwahrscheinlich, dass Udo überhaupt hier sitzt: Er ist ein sogenannter Langzeitpositiver, seine Diagnose bekam er bereits 1985, im ersten Sommer, in dem HIV-Tests möglich waren: In den USA war der „ELISA“-Suchtest entwickelt worden. Drei Jahre zuvor, 1982, waren dort auch die ersten Fälle des „Schwulenkrebses“ aufgetaucht – eine Erkrankung, die man zunächst gar nicht einordnen konnte. War es ein Virus?

„Ich wollte eine freie, unabhängige Sexualität“

Im Jahr 1984 schliesslich wurde die Krankheitsursache entdeckt, das Hi-Virus. Just im gleichen Jahr waren Maja und Udo in Berlin gelandet; einer der größten Hits des Jahres war „Forever Young“ von Alphaville. Kennengelernt hatten sie sich in Hannover: Udo war Schauspieler an der Landesbühne, Maja machte eine Ausbildung zur Theatermalerin. „Du warst so süß, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, wie du mit einem Schirmchen über die Brücke gegangen bist“, sagt Maja. In den Herrenhäuser Gärten war das. „Die Bremer Stadtmusikanten haben wir gegeben, im Sommertheater. Ich spielte einen fetten Koch“, erinnert sich Udo.

Schon in Hannover waren die beiden viel unterwegs, „nie in einer Schwulenbar, das wüsste ich“, sagt Maja. Gab es die damals in Hannover überhaupt? „Natürlich, in der Nähe des Bahnhofs, eine sogar mit Dunkelraum“, erinnert sich Udo. „Klappen waren sowieso überall, in Paderborn sogar direkt unter dem Dom.“ Man habe zu dieser Zeit nichts zu befürchten gehabt als schwuler Mann. Tripper, Syphilis und Filzläuse waren lästig, aber gut behandelbar.

„Maja war damals die schlimmste Frau von allen – sie hat den anderen gezeigt, wie man Männer abschleppt.“ Es ist ihr überhaupt nicht peinlich – warum auch? „Ich wollte eine freie, unabhängige Sexualität“, sagt sie. Zunächst nahm sie die Pille, mit sechsundzwanzig ließ sie sich sterilisieren, Kinder wollte sie keine. Ihr langes Haar hat sie seinerzeit abgeschnitten, um sich die Kavaliere älterer Schule vom Leib zu halten. „Das hat funktioniert, für die war ich nicht mehr interessant – und konnte mich auf die Männer konzentrieren, die ich haben wollte. Das war schön.“

Wunden, die nicht heilen

Das Jahr 1985 schließlich hat für Udo alles verändert. Nach einem schweren Autounfall wurde er im Virchow-Klinikum zu einem „interessanten Fall“: komplett lädierte linke Körperhälfte, notoperierte Leber, Hepatitis. Und HIV.

Das war so viel auf einmal, dass es ihn womöglich gerettet hat. „Jahre später, es ging mir beschissen, stand ich wieder auf dieser Brücke am Kaiserdamm, an der der Unfall passiert war und dachte: ,Du hast diesen Unfall überlebt, jetzt überlebst du auch HIV.‘ Gesprungen bin ich nicht.“ In seinen Beruf ist er nie mehr wirklich zurückgekommen, zunächst wegen der unfallbedingten Verletzungen, später aufgrund der Aids-Erkrankung – Wunden, die nicht heilen wollten, eine Blutvergiftung, Lungentzündungen, diverse Klinikaufenthalte. Maja hat ihn damals regelmäßig im Krankenhaus besucht, „wir haben uns weiter umarmt und geküsst“. Sie hat dann auch einen Aids-Test machen lassen. Negativ.

Wir verlassen das Café Berio und ziehen weiter in den Hafen. Maja hätte gern ein Bier, Udo trinkt nicht mehr. Er raucht auch nicht mehr, hat aber nichts dagegen, in der „Raucher-Lounge“, einem kleinen Separee im hinteren Teil der schwulen Traditionsbar, Platz zu nehmen. Udo zeigt auf seinem Smartphone ein Porträtfoto von sich, aus dem Jahr 1985. Ein schöner junger Mann mit schwarzem Haar, kokett anmutenden Lippen und fein geschwungenen Linien.

Schutz durch Kondome

Maja verlor in diesem Jahr ihre erste große Jugendliebe, einen Italiener, der gefixt hatte. „Aber ansonsten wähnten sich die Heteros meist in Sicherheit – das Ganze galt als Angelegenheit von Schwulen und Drogenabhängigen. Man frönte weiter“, erinnert Maja sich, „dem alten und heute abgedroschen wirkenden Spruch aus den Siebzigern: ,Wer zwei mal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.‘“ Und die Schwulen? „Da gab es, wie bei Heteros, die komplett Hysterischen und die Besonnenen“, sagt Udo.

„Die Hysterischen hatten dann lange gar keinen Sex mehr, überhaupt nichts. Die anderen sagten sich: Okay, es kommt nicht aus er Poppersflasche oder aus der Luft, es ist ein Virus, und man kann sich davor schützen.“

Nachdem die Übertragungswege des Virus bekannt waren, wurde auch klar, wie sich die Menschen schützen konnten: mit Kondomen. Ab 1985 rieten auch die Aids-Hilfen offiziell zur Nutzung des Präservativs – zwei Jahre später wurde es zum „Wort des Jahres“.

Lebensdauer verlängern war damals ein großer Erfolg

Die beiden haben Hunger bekommen, wollen am Winterfeldplatz Schawarma essen. Wir sitzen am Tisch und essen, Soße tropft aus den Fladenbroten. Udo erinnert sich an die frühen 90er-Jahre. Damals bekam er AZT, „in niedriger Dosierung“, lange das einzige effektive Mittel, allerdings mit starken Nebenwirkungen.Udo hatte unter anderem Probleme mit seinen Thrombozyten. Heilung brachte es nicht, es ging eher darum, die Lebensdauer zu verlängern.

Regelmäßig Pillen schlucken, Blutabnahmen, Helferzellen zählen, das bestimmte nun Udos Alltag. Ebenso wie die Aussicht, bald sterben zu müssen. „Bei jedem Sonnenuntergang dachte ich, es könnte mein letzter sein. Wenn ich am Mittelmeer war, dachte ich, dass ich es vielleicht nie wiedersehe. Das hat mein Leben intensiviert. Es war nicht so, dass es eine einzige Katastrophe war. Es war alles dabei – inklusive heftiger Phasen des Exzesses. Ich wollte mich spüren. Spüren, dass ich noch lebe.“

Immer wieder quälten ihn gesundheitliche Probleme. Schließlich ließ er sich berenten, zog in eine Sozialwohnung. Er engagierte sich ehrenamtlich für die Aids-Hilfe, machte unter anderem Telefonberatung. Aids gehörte nun zu ihm, nahm vielleicht sogar zu viel Raum ein. Und Maja ging ihre eigenen Wege, lernte ihren Lebensgefährten Klaus kennen, einen Tierarzt aus dem Wendtland.

Plötzlich wieder Hoffnung

Jahre später dann das Wunder von 1996: „Ich war in der Toskana, in einem Haus von Freunden in den Bergen. Die Welt ist dort oben ziemlich weit weg. Dann kam ein Freund mit dem neuen Spiegel, wenig später riefen mich andere Freunde aus Deutschland an, weil sie in den Zeitungen gelesen hatten, dass es einen sensationellen Durchbruch bei der Bekämpfung von Aids gegeben hatte. Das war HAART, die Dreifachkombinationsprophylaxe.“ Udo wirkt noch heute gerührt, wenn er von diesem Ereignis spricht. „Es war ein Triumph. Plötzlich war da wieder Hoffnung.“

Berechtigte Hoffnung, wie sich zeigen sollte. Nach Einnahme des neuen Medikamentencocktails stieg bei den Patienten die Zahl der Helferzellen, Kaposi-Sarkome verschwanden einfach, „man bekam nicht mehr diese ständigen Lungenentzündungen, und die Nebenwirkungen waren weniger grauenhaft“.

Erst zwei Jahre später begriff Udo, was geschehen war. Und er, der eigentlich Todgeweihte, fiel in ein tiefes Loch. „Lazarus-Phänomen, so nennt man das, wenn jemand, der eigentlich schon für tot erklärt wurde, doch wieder Lebenszeichen aufweist. Ich stand plötzlich da und begriff, dass ich wieder eine Perspektive hatte. Aber was hatte ich in den Händen?“ Er war Rentner, ohne Beruf, seine Karriere war beendet. „Ich hatte das Gefühl, dass ich überhaupt nichts mehr kann. Gar nichts.“ Gerettet hat ihn schließlich sein Hund, den er kurz zuvor angeschafft hatte, „dem hatte ich ja versprochen, dass ich mich kümmere, Verantwortung übernehme“.

Scham, Angst und Tod

Heute ist Aids für Udo wieder kleiner geworden, hat nicht mehr dieselbe Bedeutung. Vielleicht ist er damit wieder näher an Maja. „Ihr wart ja nie so richtig betroffen.“ Udo sagt das ohne Vorwurf. „Ihr“, das sind die Heteros. Das „Wir“, es bleibt am Ende.

„Wir sind ja nicht in die sexuelle Revolution reingeboren, wir haben sie mit entwickelt“, sagt Udo, und Maja ergänzt: „Wir sind die Nachzügler der Achtundsechziger, die hatten viele Freiheiten erkämpft, aber wir haben das dann ausgelebt. Es war ein großes Gefühl von Freiheit, bevor der Aids-Schock kam.

Könnte es nicht sein, dass viele schwule Männer seiner Generation diese schreckliche Zeit vergessen möchten und nicht können? Dass sie nicht darüber reden wollen? Das ständige Sterben, die Stigmatisierung, dieser abscheuliche Mix aus Schuld, Scham, Angst und Tod. „Ja“, sagt Udo, „das kann sein.“

Der Autor ist Verfasser des Buchs „Die Kapsel – Aids in der Bundesrepublik“, das kürzlich bei Suhrkamp erschienen ist.

Interview zur Welt-Aids-Konferenz

Wie Aids die deutsche Gesellschaft verändert hat

Ein Beitrag von: Oliver Buschek, BAYERN RADIO 2, 25.07.2018

Bei der Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam wird diese Woche über HIV gesprochen – um Deutschland geht es dabei nur noch selten. Die Infektionsraten sind niedrig. In seinem Buch “Die Kapsel” erinnert Martin Reichert an das Deutschland der 80er- und 90er-Jahre, als Aids zum Schrecken einer Generation schwuler Männer wurde. Wie hat die Krankheit ihren Weg ins Bewusstsein der Bundesrepublik gefunden und welche Rolle hat die Stadt München dabei gespielt?